Vive le vélo!

Paris will bis 2050 CO2-neutral sein und den Energiebedarf komplett aus erneuerbaren Quellen decken. Die Hauptstadt macht vor, was bald das ganze Land erwartet: Frankreich wird grün – im Verkehr und in sämtlichen Wirtschaftsbereichen.

April 2022
Autor: Peter Buerstedde

Autofreier Sonntag auf den Champs-Élysées in Paris: Einmal im Monat verwandelt sich die Prachtstraße in eine Fußgängerzone – im Rahmen der Kampagne „Paris respire“ („Paris atmet“). © Mario Fourmy/laif

In der staubigen Autobahnschlucht, die Paris umgibt und die Stadt vom Umland trennt, dem gefürchteten Périphérique, schleicht der Verkehr oft stundenlang vor sich hin. Dazwischen heizen Motorradfahrer in selbstmörderischem Tempo daher. Wenn Autofahrer ihnen Platz machen, bedanken sie sich im Vorbeifahren artig mit ausgestrecktem Bein. Auf dem Périphérique verlieren Autofahrer weltweit die meisten Stunden pro Tag im Stau, nur noch London ist schlimmer.

Geht es nach dem Willen der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, wird der Autobahnring zumindest in Teilen bis 2024 zum begrünten Boulevard: mit Tempolimit 50 und separaten Fahrbahnen für saubere Fahrzeuge, den öffentlichen Verkehr und Fahrradfahrer. Durch derartige Ideen hat die Stadt Paris auch im Ausland als Vorreiter für Nachhaltigkeit und Klimaschutz Aufsehen erregt. Kritiker sind weniger begeistert und prophezeien der Ringautobahn den Verkehrskollaps.

Grüne Revolution in Paris

Die Klimapolitik von Paris ist Teil einer grünen Revolution, die in Frankreich immer mehr um sich greift und sich während der Coronakrise stark beschleunigt hat. Auch Paris hat noch Pläne. Einige Plätze – etwa vor dem Rathaus – sollen begrünt werden. Bis 2026 will die Stadt 170.000 Bäume pflanzen und 180 Kilometer an Fahrradwegen ausweisen. Darunter auch die 52 Kilometer langen Coronapistes, die während der Coronakrise zeitweise eingerichtet wurden und jetzt dauerhaft bleiben dürfen.

Für die Olympischen Spiele 2024 will die Stadt auch eine Freizeitaktivität wieder ermöglichen, die sie 1923 aus gesundheitlichen Gründen verboten hatte: das Baden in der Seine. Zunächst sollen die Triathleten hier ihre Schwimmstrecke absolvieren. 2025 soll auch die Bevölkerung an fünf Stellen wieder ins Wasser dürfen. Bis dahin müssen aber noch einige Zuflüsse aufgefangen und gereinigt werden.

Auch an den Verkehr will Paris bis zu den Spielen ran; er soll grüner und weniger werden. Während der Olympiade sollen 10.000 Brennstoffzelltaxis in der Hauptstadt verkehren – momentan sind es gerade mal 200 Stück, die derzeit als Pilotprojekt im Einsatz sind. Für andere Autos wird es dagegen immer enger: Hidalgo macht Nägel mit Köpfen und hat bereits Autos von einem Teil des rechten Seineufers, dem Rive Droite, verbannt. Diesel dürfen mit wenigen Ausnahmen ab 2024 überhaupt nicht mehr in Paris fahren. Und bis 2030 soll Schluss sein mit Verbrennungsmotoren – und auch mit der Schwerölnutzung für Schiffe auf der Seine.

Autofreier Sonntag für den Klimaschutz in Paris

Unklar ist noch, ab wann Teile der Innenstadtbezirke nur noch für Autos von Anwohnern und Geschäften zugänglich sein werden. Dies sollte nach Plänen der Bürgermeisterin Anfang 2022 geschehen, ist aber dann aufgeschoben worden. Einen Vorgeschmack auf das autofreie Paris liefern die Sonntage: Dann werden viele Straßen gesperrt, und einmal monatlich auch die Champs-Élysées. Das Idealbild, das Hidalgo vorschwebt, ist die Stadt der 15 Minuten. Im Umkreis von 15 Gehminuten oder fünf Fahrradminuten sollen Pariser alle nötigen Aktivitäten verrichten und Dienstleistungen erreichen können – ohne Auto.

Aber nicht alle Blütenträume sind ­gereift. Der städtische Elektroautoverleih Autolib wurde 2019 eingestellt, nachdem das Unternehmen immense Schulden angehäuft hatte. Der anfängliche Wildwuchs an neuen Mobilitätsanbietern mit bunten Elektrorollern und -fahrrädern führte zu Chaos und vielen Unfällen. Die Stadt hat es aber inzwischen verstanden, mit strengen Regeln für Ordnung zu sorgen.

Paris soll bis 2050 CO2-neutral werden

All die Maßnahmen sollen helfen, Paris bis 2050 zu einer CO2-neutralen Stadt zu machen, die ihren Energiebedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen deckt. Einfach ist das nicht. Paris ist eine der am dichtesten bebauten Großstädte der Welt. Viel Platz für Grünflächen zur Kühlung und als CO2-Speicher ist da nicht. Ein Viertel des Stadtgebiets besteht rechnerisch zwar aus Parks und Gärten, aber nur, weil die beiden größten Grünflächen, der Bois de Vincennes im Osten und der Bois de Boulogne, die jenseits des Périphérique liegen, noch zu Paris gehören.

Im Bois de Vincennes soll ein Solarpark entstehen. Damit will Paris dem Ziel für 2050 näherkommen, 20 Prozent des Elektrizitätsbedarfs der Stadt selbst zu generieren. Ein Problem ist, dass auf den meisten Gebäuden in Paris durch Denkmalschutzauflagen keine Solarpaneele aufgesetzt werden dürfen. Bis Ende 2021 hatte die Stadt lediglich fünf Dachinstallationen auf öffentlichen Bauten finanziert.

Ein Weiter so auf Raten

Kommentar von Peter Buerstedde, GTAI Paris

Während eine Mehrheit der Deutschen die Atomkraft ablehnt, stehen die meisten Franzosen klar hinter ihrer Nutzung. Es gibt gute Gründe, warum Frankreich an der Kernenergie festhält: 220.000 Menschen arbeiten für die Branche, die mit 56 Reaktoren rund 70 Prozent des Strombedarfs deckt. Eine Abkehr vom Atom wäre nicht nur politisch schwer durchzusetzen, sondern würde auch viele Beschäftigte, Unternehmen und Regionen direkt treffen. Weniger überzeugend ist das Argument, dass Frankreich nur so seine CO2-Ziele erreichen kann. Das Atomkraftwerk in Flamanville hat kürzlich gezeigt, dass Planung, Genehmigung und Bau eines neuen Reaktors in Frankreich etwa 25 bis 30 Jahre dauern. Zu spät für die CO2-Neutralität ab 2050. Hinzu kommen steigende Kosten – für neue Kraftwerke und für den Weiterbetrieb der alten. Druck zum Ausstieg könnte künftig eher von den Strommärkten ausgehen: Bei weiter fallenden Kosten für erneuerbare Energien und Speichertechnologien könnte sich die Atomkraft längerfristig als eher teure Energiequelle erweisen.

Pariser Umland reagiert mit Kritik

Die Politik der Bürgermeisterin trifft zum Teil auf bittere Widerstände. Gegen das autofreie Seineufer beispielsweise hatten zahlreiche Pariser geklagt. Schwierig ist auch die Zusammenarbeit mit der umliegenden Region. Der Périphérique ist juristisch betrachtet ein städtischer Boulevard und untersteht somit der Stadt und nicht der Region oder dem Zentralstaat, wie es bei einer Autobahn der Fall wäre. Dennoch muss sich Hidalgo mit den Vertretern des Umlands auseinandersetzen, allein schon, um Proteste zu vermeiden. Die Ringautobahn wird regelmäßig durch sogenannte Schneckeneinsätze (Opérations Escargot) bestreikt – wo Reihen von Traktoren, Motorrädern und Autos im Schneckentempo den Verkehr ausbremsen.

Die meisten Pariser innerhalb des Rings unterstützen die verkehrsberuhigenden Maßnahmen von Hidalgo. Anders sieht es jenseits des Périphérique aus, von wo die Menschen in die Stadt pendeln und das vielfach mit dem Auto. Grundsätzlich wollen beide, Stadt und Region, den Klimawandel bekämpfen, auch weil der Klimavertrag in Paris ausgehandelt worden ist. Aber bei dem Wie und dem Wie schnell scheiden sich die Geister.

Ausbau der Metro und Olympia 2024 lassen Stadt und Land zusammenwachsen

Ob sie wollen oder nicht: Stadt und Land wachsen über die Ringautobahn hinweg immer enger zusammen, vor allem durch die Großprojekte Olympia 2024 und den Metroausbau. Sie werden das Gesicht der Hauptstadtregion grundlegend verändern. Bis in die 2030er-Jahre entsteht um Paris herum mit dem Grand Paris Express ein Metroring mit 200 Kilometern Schiene und 68 neuen Stationen. Das 35-Milliarden-Euro-Projekt wird das Umland mit öffentlichen Verkehrsmitteln enger an die Stadt anbinden und so nach Hoffnung der Planer den Autoverkehr verringern. Die Olympischen Spiele sollen die nachhaltigsten Spiele aller Zeiten werden, indem alle neu gebauten Spielstätten weiterbenutzt werden. Diese liegen überwiegend in den ärmeren nördlichen Vororten der Stadt, die mit einer besseren Verkehrsanbindung näher an die Stadt heranrücken.

Die Hinwendung zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz geht weit über Paris und Umgebung hinaus. Sie hat im ganzen Land durch massive Investitionsprogramme in der Krise einen starken Schub erhalten. Auf dem Weg zur CO2-Neutralität sollen bis 2030 zunächst 40 Prozent weniger Treibhausgase ausgestoßen werden. Erneuerbare Energien sollen bis dahin 40 Prozent der Stromerzeugung ausmachen. Die Kernenergie soll dann nur noch 50 Prozent beisteuern, aktuell sind es 70 Prozent.

Frankreich fühlt sich dem Pariser Abkommen besonders verpflichtet, und der französische Staat sieht sich seit jeher als Macher und Gestalter. Noch sind nicht alle Details festgezurrt – vor allem über die künftige Rolle der Kernenergie muss noch entschieden werden (siehe Kommentar). Druck kommt auch von Gerichten, welche die französische Regierung wiederholt aufgefordert haben, ihre Maßnahmen auszuweiten, um die selbst gesteckten Ziele zu erreichen.

90 Milliarden Euro für den Klimaschutz in Frankreich

Viele staatliche Maßnahmen und Förderprogramme sind auch für deutsche Firmen interessant. In der Krise ist die französische Regierung schnell von Hilfsmaßnahmen wie Kurzarbeitergeld, Kreditgarantien und Soforthilfen zu strukturellen Förderprogrammen übergegangen. Damit will sie den Klimaschutz vorantreiben und inländische Unternehmen für die kommenden Jahrzehnte wettbewerbsfähiger machen.

Zunächst gab es 2020 rund 100 Milliarden Euro, davon 30 Milliarden Euro für Klimaschutzmaßnahmen. Dann kamen 2021 weitere 30 Milliarden Euro hinzu – vielfach für Forschungsvorhaben, um französische Unternehmen in Wachstumssektoren der Energiewende zu positionieren. Für erneuerbare Energien hat die Europäische Kommission Mitte 2021 ein neues Förderregime mit mehr als 30 Milliarden Euro an Fördermitteln genehmigt. Kein Wunder, dass die jährlich ausgeschriebenen Kapazitäten für Windkraft- und Fotovoltaik­vorhaben in Frankreich bis zum Jahr 2026 um 85 Prozent beziehungsweise 43 Prozent steigen sollen.

146 Maßnahmen sollen Energiewende beschleunigen

Milliardenbeträge fließen in Subventionen für energetische Sanierungsmaßnahmen in ­Gebäuden, in die Dekarbonisierung der Industrie, in Kaufprämien für Elektroautos und in die Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft. So baut Siemens Energy beispielsweise in Dunkerque und nahe Le Havre Elektrolyseanlagen, um grünen Wasserstoff zu erzeugen. Die Luftfahrtindustrie soll ein Wasserstoffflugzeug entwickeln, die Kfz-Industrie zwei Millionen Elektroautos im Jahr in Frankreich produzieren.

Neben dem Zuckerbrot der Förderung sollen auch Einschränkungen und Verbote die Energiewende beschleunigen. Die Bandbreite ist groß. Ein von Präsident Emmanuel Macron als Reaktion auf die Gelbwestenproteste eingesetzter Bürgerkonvent hatte 149 Maßnahmen zum Klimaschutz erarbeitet. Davon will die Regierung 146 umsetzen. Auf Bestreben des Konvents können etwa seit Anfang 2022 keine neuen Schwerölheizungen mehr installiert werden. Heizpilze sind seit Ende März 2022 ebenfalls verboten. Besonders schlecht isolierte Wohnungen können ab 2025 nicht mehr vermietet werden. Einwegplastik wird schrittweise verboten. Die Revolution vollzieht sich also nicht mehr nur mit wenigen Barrikaden, sondern erfasst nach und nach alle Wirtschaftsbereiche.

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