Mission: Neue Energie

Polen schaltet bei der Energiewende einen Gang höher. Um die Abhängigkeit von ­russischer Kohle zu beenden, startet die Regierung große Förderprogramme. Auch ­andere europäische Staaten bringen sich mit Reformen und Subventionen in Stellung.

Dezember 2022
Autor: Christopher Fuss

Diodenlicht für Dieselbusse

Der MAN-Konzern stellt in der ostpolnischen Kleinstadt Starachowice Niederflurbusse für den Export her. Die Produktionsanlage hat eine Fläche von über 40 Fußballfeldern und verbraucht viel Strom. Ein großer Energiefresser ist die ­Beleuchtung. MAN hat darum in der Logistikhalle LED-Lampen installiert. Auch auf den Parkflächen vor der Fabrik installiert das Unternehmen Stromsparleuchten. Der Bushersteller spart auf diese Weise rund 550 Megawattstunden Strom pro Jahr. Für diese Energiemenge verlangen die Versorgungsunternehmen aktuell rund 200.000 Euro.

© EOT Lions/MAN

Die Aluminiumgießerei der Volkswagen-Gruppe in der polnischen Stadt Poznań stellt nicht nur Fahrzeugteile her. Seit einigen Monaten heizt das Werk auch rund 4.500 Haushalte. Die Wärme fällt beim Schmelzen der Aluminiumblöcke ohnehin an und ging bislang ungenutzt in der Atmosphäre verloren. Aus Sicht von Volkswagen eine riesige Verschwendung. Ende 2021 begann das Unternehmen also, gemeinsam mit dem städtischen Versorger Veolia, Wärmetauscher zu installieren. Über mehrere Umwandlungsprozesse landet die Heizenergie jetzt im Fernwärmenetz der Stadt Poznań. Bis Ende 2022 will Volkswagen drei weitere Aluminiumschmelzöfen umbauen.

Dank der Investitionen muss das Kraftwerk am Stadtrand von Poznań weniger Energie ins Netz einspeisen. Das schont die Umwelt – und rechnet sich für die Unternehmen. Volkswagen kann die Abwärme an Veolia verkaufen. Der städtische Versorger wiederum benötigt jährlich 3.200 Tonnen weniger Steinkohle. An den Rohstoffmärkten würde diese Menge aktuell 1,3 Millionen Euro kosten. „Heutzutage ­können wir es uns nicht mehr leisten, Energie zu verschwenden“, sagt Jan Pic, Geschäftsführer bei Veolia in Poznań. „Industriewärme wird in Polen noch zu selten genutzt.“

Die Wirtschaft des Landes schaltet bei der Energiewende einen Gang höher, und das eröffnet deutschen Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien Wachstumsmöglich­keiten. Noch ist das Land stark von russischer Kohle abhängig. Kommunale Wärmeversorger decken nach Angaben des Branchenverbandes IGCP rund 60 Prozent ihres Kohlebedarfs über Importe, vor allem aus Russland. Der Abbau aus polnischen Minen wandert größtenteils in die Stromproduktion.

Schon seit geraumer Zeit setzen die steigenden Preise für Emissionszertifikate Wärmeerzeuger unter Druck. Anfang 2017 mussten Wärmeversorger pro ausgestoßener Tonne CO2 rund zehn Euro bezahlen. Im Juni 2022 waren es 80 Euro. Als Reaktion auf den Ukrainekrieg hat Polen nun russische Kohleeinfuhren gestoppt. Die Wärmeversorger müssen woanders einkaufen, das treibt den Preis weiter nach oben. Importkohle war im Juni 2022 fünfmal so teuer wie zu Beginn des Jahres. Weil die Wärmeversorger Preisaufschläge aber nur an Verbraucher weitergeben dürfen, wenn die Energieaufsicht URE das genehmigt, bleiben die Unternehmen auf einem Teil der Kosten sitzen.

25 Milliarden Euro für grüne Heizungen

Ausgerechnet die hohen Kosten für Emissionsscheine könnten entscheidend zum Umbau des Heizsektors beitragen. Die Einnahmen aus den Zertifikatsverkäufen fließen nämlich zurück in Polens Staatskasse. Die Regierung will mit den Geldern einen Transformationsfonds aufsetzen, kurz: FTE. Für Investitionen in neue Energietechnologien gibt es Fördermittel. Abhängig vom CO2-Preis könnte der FTE auf ein Volumen von bis zu 25 Milliarden Euro anwachsen. Der Fonds soll bereits 2023 erste Projekte finanzieren. Auf der Agenda stehen vor allem Investitionen in den Heizsektor. Die Nutzung industrieller Abwärme, wie im Volkswagen-Werk Poznań, könnte dann Schule machen. Der große polnische Stahlhersteller Cognor hat kürzlich erklärt, mit der Abwärme aus dem eigenen Produktionswerk könne man eine halbe Großstadt versorgen. „Es ist gut, dass sich Finanzierungsmöglichkeiten für diese Art von Investitionen abzeichnen“, lobt Cognor-Geschäftsführer Przemysław Sztuczkowski.

Neben Industrieabwärme gewinnt eine weitere Technologie an Bedeutung. Die Polen rüsten ihre Häuser mit Wärmepumpen aus. Bislang heizt ein Drittel aller Haushalte mit Kohleöfen. Das sorgt immer wieder für Smogalarm – und für hohe Heizkosten. Kein Wunder also, dass Haushalte nach Alternativen suchen. Allein 2021 haben Wärmepumpenhersteller in Polen fast doppelt so viele Geräte verkauft wie im Vorjahr. Für 2022 erwarten die Unternehmen ein Plus von mehr als 60 Prozent. Wer umrüstet, kann Fördergelder bekommen.