Rettender Riesenwall

Ausgerechnet Jakarta könnte zum Venedig des Ostens werden. Es ist allerdings eine ­Horrorvision: Denn die indonesische Hauptstadt droht im Meer zu versinken, weil der Boden absackt. Ein riesiger Damm soll die Metropole vor den Fluten retten.

Juni 2017
Autor: Frank Malerius

Eine aufgeschüttete Insel in Form des mythischen Vogels Garuda soll eine Stadt im Meer entstehen lassen.

© Giant-Sea-Wall/NCICD-KuiperCompagnons

Dämmerung in Jakarta. Bei 33 Grad Celsius und 98 Prozent Luftfeuchtigkeit drängt ein nicht endender Strom aus Autos und Motorrädern durch die Straßen und Gassen der Zehn-Millionen-Metropole. Auf einmal bricht ein Tropenregen los, eine halbe Stunde lang prasseln Wassermassen auf die Erde. Und wo vorher Parkplätze und Straßen waren, liegt nun ein knietiefer See. Nichts geht mehr. Alltag in Jakarta.

Für die Stadt sind die Fluten zum existenziellen Problem geworden. Denn weite Teile Jakartas liegen schon heute um zwei bis drei Meter unter dem Meeresspiegel. Und der Boden sinkt immer weiter ab: um fünf bis 15 Zentimeter jährlich. Nach starken Niederschlägen, besonders in der Regenzeit um den Jahreswechsel, sind auf der Hauptverkehrsstraße Jalan Thamrin immer öfter Menschen in Schlauchbooten statt in japanischen Mittelklassewagen unterwegs. Im Jahr 2007 kamen bei einer besonders starken Überflutung Dutzende Einwohner ums Leben, Hunderttausende mussten ihre Häuser verlassen. Der wirtschaftliche Schaden wurde auf Hunderte Millionen US-Dollar geschätzt. Ohne Gegenmaßnahmen könnten solche Katastrophen zukünftig häufiger eintreten.

Hauptgrund für die Bodenabsenkungen sind Wasserentnahmen. Nur ein kleiner Teil der Stadt ist an das öffentliche Leitungsnetz angeschlossen. Also wird das Wasser nach oben gepumpt, wo man es braucht. Der Druck der städtischen Gebäude lässt den Untergrund zusätzlich nachgeben. Verschlimmert wird das Problem dadurch, dass viele Kanäle mit Müll verstopft sind und Rückhalteflächen bebaut werden.

Die Zeit drängt

Doch nicht nur der Regen ist eine Bedrohung, sondern vor allem das Meer: Bis 2050 könnte nach Projektionen von Wissenschaftlern der an die Küste angrenzende Norden Jakartas bereits fünf Meter unter dem Meeresspiegel liegen. Die 13 Flüsse, die heute aus der Stadt ins Meer münden, würden schon lange vorher nicht mehr abfließen können und die Situation verschärfen. Was Jakarta droht, zeigt sich schon heute geradezu surreal im Stadtteil Pluit: Dort werden ganze Straßenzüge notdürftig durch hohe Mauern vor dem Meer geschützt, das um mehrere Meter höher liegt als die nebenstehenden Wohnhütten.

»Wir müssen die bestehende Staumauer binnen zwei Jahren erhöhen.«

Victor Coenen, Direktor des Infrastruktur-Consultants Witteveen + Bos

Nur noch hohe Ingenieurskunst kann Jakarta vor dem Untergang retten. Und die Zeit drängt. Schon jetzt wird die bestehende Staumauer an der Küstenlinie erhöht. Doch das schafft nur Aufschub. Deshalb ist ein Megaprojekt in Planung: Ein 32 Kilometer langer Damm um die Bucht von Jakarta – die sogenannte Giant Sea Wall – soll das Meer auf Distanz halten und gleichzeitig eine riesige Lagune entstehen lassen. Die Regierung lässt aktuell Spezialisten aus den Niederlanden, Südkorea und Japan eine Machbarkeitsstudie erstellen.

Damm muss in zehn Jahren fertig sein

Victor Coenen, Direktor des beauftragten Infrastruktur-Consultants Witteveen + Bos aus dem niederländischen Deventer, wird deutlich: „Wir müssen die Staumauer ­binnen zwei Jahren erhöhen, und der Damm muss in etwa zehn Jahren fertig sein“, sagt ­Coenen. „Je nachdem, wie schnell der Boden weiter absinkt, haben wir etwas mehr oder weniger Zeit.“ Inmitten dieses dramatischen Szenarios ist ein schillerndes Projekt entstanden, das für die Retter zugleich Ärgernis und Hoffnungsträger ist: Zwischen Küste und Damm wollen Investoren Land aufschütten – in Form des mythischen Vogels Garuda, dem Wappentier Indo­nesiens.

Wohnraum für Zehntausende Menschen

Auf dessen gigantischen Schwingen soll Wohnraum für Zehntausende Menschen entstehen, mit Luxushotels und Shoppingmalls. Modellanimationen zeigen eine antiseptische Glitzerwelt, die das eigentliche Jakarta mit seinem wuchernden Wachstum, dem Schmutz und der Armut zum buckligen Verwandten degradieren würde. Vor allem aber wäre das Projekt ein Eldorado für internationale Baufirmen aller Art. Von der Landgewinnung über den Hoch- und Infrastrukturbau bis hin zum Innenausbau mit Gebäude- und Sicherheitstechnik würde sich ein Milliardengeschäft auftun. Kapital zur Realisierung gibt es in Indonesien reichlich. Hinzu kommt, dass die Wachstumsraten der Wirtschaft seit 30 Jahren durchschnittlich bei mehr als fünf Prozent liegen. Bisher gibt es von Regierungsseite keine offiziellen Planungen, doch Infrastrukturberater Coenen rechnet damit, dass mit dem Projekt privates Kapital angelockt werden soll, um damit teilweise den Dammbau zu finanzieren. Deshalb ist Garuda ein Hoffnungsträger. Einerseits.