Richtig verbunden?

Der Fortschritt ganzer Wirtschaftszweige hängt am Ausbau der 5G-Technologie. Doch in Brasilien geht es um viel mehr als die nächste Mobilfunkgeneration: Die Frequenzvergabe ist auch eine geopolitische Machtfrage.

August 2021
Autorin: Gloria Rose

Das Glasfaserunterseekabel Ellalink verläuft auf der kürzesten Strecke zwischen Europa und Brasilien. Es startet an der südlichen Küste Portugals und durchquert den Atlantik. 100 TBPS beträgt die Kapazität des Unterseekabels zwischen Europa und Südamerika. 12.500 Gigabyte können so pro Sekunde transferiert werden.  © Vismar UK

Brasilien ist Schauplatz für einen globalen Technologiewettstreit: Die USA und China ringen um die fünfte Mobilfunkgeneration im Land. Lange schienen die USA Brasilien auf ihre Seite zu ziehen, doch jüngst konnte China einen entscheidenden Etappensieg verbuchen. Der chinesische Informations- und Telekommunikationskonzern Huawei wird nicht vom Aufbau des 5G-Standalone-Netzes (5G SA) ausgeschlossen. Das hat Brasiliens Regulierungsbehörde für Telekommunikation Anatel nach langem Hin und Her entschieden. Wann genau die Frequenzen versteigert werden, ist noch unklar. Bereits mehrfach wurde der Termin vertagt. Die Versteigerung dürfte jetzt frühestens im November erfolgen.

Die Entscheidung für oder gegen Huawei war bis zur letzten Minute spannend. Der Konzern ist seit 23 Jahren in Brasilien vertreten und als größter Ausrüster kaum aus der Telekommunikationslandschaft wegzudenken. Aber viel sprach auch dafür, dass sich Brasilien mit einer Absage den USA als Wunschpartner annähert. Parallel zur kommerziellen IT-Infrastruktur soll der halbstaatliche Anbieter Telebras ein regierungseigenes 5G-SA-Netz installieren – und zwar ohne chinesische Beteiligung. Im Juni reiste eine Delegation mit Vertretern des Kommunikationsministeriums, der Regulierungsbehörde Anatel, des Bundesrechnungshofs und des Kabinetts für institutionelle Sicherheit in die USA, um sich über Cybersicherheit in privaten 5G-Netzen auszutauschen.

Noch im November 2020 erklärte Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro seine Zustimmung zur Clean-Network-Initiative der US-Regierung unter Donald Trump. Mit dem Amtsantritt von Joe Biden ließ der Druck aus den USA allerdings vorübergehend nach. Zwar ist die technologische Vormachtstellung der USA auch ein zentrales Anliegen des neuen Präsidenten. Jedoch kühlten die Beziehungen zur brasilianischen Regierung durch den Amtswechsel wie erwartet ab. Aufgrund der hohen Abhängigkeit im Export kann sich Brasilien ohnehin keinen offenen Konflikt mit seinem wichtigsten Handelspartner China leisten. 2020 ging ein Drittel der brasilianischen Ausfuhren ins Reich der Mitte. Durch die Impfdiplomatie verstärkte sich der Einfluss zusätzlich. Über die Partnerschaft zwischen dem Pharmakonzern Sinovac und dem brasilianischen Instituto Butantan positionierte sich China als wichtigster Zulieferer von Covid-19-Impfstoffen nach Brasilien. Beim Ausbau von 5G will sich China ebenfalls als Vorreiter etablieren.

Zahlen & Fakten

102,6

Milliarden US-Dollar beträgt das Handelsvolumen mit China.

57,9

Milliarden US-Dollar beträgt das Handelsvolumen mit der Europäischen Union.

Erste 5G-Campusnetze im Test

Die vier großen Mobilfunkanbieter Vivo, Claro, TIM und Oi sind in vielen Städten schon mit einer beschleunigten 4G-Verbindung am Start, die sogenannte 5G DSS. Allerdings hinkt sie dem deutlich schnelleren 5G SA bei der Reaktionszeit hinterher und ist keine Option für intelligente Internet-der-Dinge-Anwendungen. Doch die Industrie 4.0 ist in Brasilien bereits auf dem Vormarsch. Im Bergbau und im Stromsektor nutzen erste Konzerne private 4G-LTE-Netze für die Anwendungen und dürften in naher Zukunft auf 5G aufrüsten. Beispielsweise setzt der Bergbaukonzern Vale in der Mine Brucutu, Bundesstaat Minas Gerais, bereits 13 autonome Lkw ein. Der Stromkonzern Neoenergia der spanischen Gruppe Iberdrola betreibt Smart Grids in drei Städten des Bundesstaats São Paulo.

Die ersten 5G-Campusnetze sind längst in der Pilotphase. Auf definiertem Raum bedienen sie die besonderen Anforderungen in der Agrar- und in der Industrieproduktion, die absolute Zuverlässigkeit verlangt. Die Regulierungsbehörde Anatel stellt bereits die nötigen Frequenzen und die Zertifizierung bereit. Im November vergangenen Jahres ging sie eine Partnerschaft mit der Agentur für industrielle Entwicklung ABDI ein, um autonome 5G-Netze in der Praxis zu testen, darunter ein einjähriges Pilotprojekt von Nokia. Die Finnen betreiben eines der ersten 5G-Campusnetze des Landes für den brasilianischen Elektrotechnikhersteller WEG. In dem hoch automatisierten WEG-Werk in Jaraguá do Sul im Bundesstaat Santa Catarina sind die Maschinen über das schnelle Internet vernetzt.

Natürlich positioniert sich auch Huawei mit eigenen Projekten: Im intensiven Wettbewerb mit den Technologiezulieferern Ericsson, Nokia und Samsung investiert der Marktführer in Brasilien in 5G-Zentren zur Forschung, Entwicklung und Weiterbildung. Er erprobt die Netze unter anderem mit Partnern aus dem hochproduktiven Agrarsektor. Das Agribusiness gehört in Brasilien neben dem Bergbau, dem Strom- und Logistiksektor zu den Wirtschaftsbereichen mit der höchsten Investitionsbereitschaft für autonome Netze. Ausgerechnet in diesen Bereichen verfügt China über großen Einfluss – als zentraler Abnehmer und als Investor. Entsprechend begünstigt dürfte sich Huawei in Brasilien als bedeutender Ausrüster von 5G-Campusnetzen etablieren. Darüber hinaus will sich der chinesische Technologiekonzern natürlich eine hohe Beteiligung an den kommerziellen 5G-SA-Netzen sichern.

Gouverneur João Doria empfängt Großlieferung des aktiven pharmazeutischen Wirkstoffs aus China für die lokale Produktion von mehr als 8,5 Millionen Impfdosen Coronavac. © picture alliance/ZUMAPRESS.com/Paulo Lopes

Unter Bolsonaro hat Brasilien in den internationalen Beziehungen Anerkennung verloren. Der Präsident sorgt mit unqualifizierten Bemerkungen immer wieder für Auseinandersetzungen. Der lang geforderte Personalwechsel im Außenministerium wurde zwar positiv aufgenommen, kann die Entgleisungen des Staatsoberhauptes jedoch nicht abfedern und die Regierung nicht für die außenpolitischen Herausforderungen der Post-Corona-Welt rüsten. Wichtige Vorhaben wie der Beitritt zur Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und neue Freihandelsabkommen sollten den Markt öffnen, aber kamen bisher kaum voran.

Kurzfristig profitiert die nationale Wirtschaft von Chinas internationalen Konflikten. Im Handelsstreit mit den USA importierte China mehr Agrarprodukte aus Brasilien. Durch die aktuelle Krise mit Australien steigt der Eisenerzpreis auf Rekordhöhen, was dem brasilianischen Bergbau zugutekommt. Ohne eine eigene geopolitische Strategie ist Brasilien jedoch den Entwicklungen ausgeliefert. Zwar bemüht sich die Regierung weiterhin um den Anschluss an die USA, mit denen Brasilien enge diplomatische Beziehungen unterhält. Aber China nutzt die starke Abhängigkeit im Außenhandel aus, um Druck auf die brasilianische Regierung auszuüben. Und die Abhängigkeit dürfte sich noch verschärfen.

»Brasiliens Agribusiness wird immer digitaler – und könnte durch die Einführung von 5G einen weiteren Schub erhalten.«

Jenny Eberhardt
GTAI Berlin

Deutschland verpasst Chancen

Während sich die USA eher protektionistisch ausrichten, boomt der Export nach China, das hauptsächlich Rohstoffe wie Soja, Eisenerz, Erdöl, Fleisch und Zellstoff in Brasilien einkauft. Umgekehrt ist Brasilien auch ein strategisch wichtiger Absatzmarkt. Obwohl die Kaufkraft im vergangenen Jahrzehnt gesunken ist, verfügt die größte Volkswirtschaft Südamerikas nach wie vor über einen riesigen Verbrauchermarkt. Das gilt insbesondere für die Digitalwirtschaft, der die Brasilianer ausgesprochen offen und innovationsfreudig begegnen. Auch das belebte Ökosystem und aufstrebende Start-ups wecken das Interesse chinesischer Konzerne. Zudem beteiligen sie sich als Kapitalgeber deutlich stärker am brasilianischen Infrastrukturausbau als US-amerikanische oder europäische Investoren.

Der wachsende Einfluss Chinas in Südamerika dürfte auch der Europäischen Union und Deutschland ein Dorn im Auge sein. Dennoch zeichnet sich keine Annäherung an die brasilianische Regierung ab. Das Assoziierungsabkommen mit der südamerikanischen Zollunion Mercosur kam auch unter der deutschen EU-Ratspräsidentschaft nicht voran. Als ausgemachter Klimafeind steht Brasilien im außenpolitischen Abseits. Zudem verschlechterten Korruptionsaffären und der nachlässige Umgang mit der Pandemie die Außenwahrnehmung Brasiliens. Immer mehr Vertreter deutscher Unternehmen in Brasilien gehen davon aus, dass das Länderimage die Investitionsentscheidungen beeinflusst. Bei der jüngsten Erhebung der Deutsch-Brasilianischen Auslandshandelskammer in São Paulo sahen drei Viertel der Befragten darin einen großen bis sehr großen Zusammenhang.

Für die deutsche Industrie ist das Wirtschaftszentrum São Paulo immer noch einer der bedeutendsten Produktionsstandorte weltweit. Durch die Zurückhaltung laufen jedoch deutsche Unternehmen und Zulieferer in Brasilien Gefahr, an Bedeutung zu verlieren – obwohl der Digitalisierungsschub auch ihnen gute Chancen eröffnet. Die Pandemie und die Einführung von 5G stimulieren den Ausbau der IT-Infrastruktur und die digitale Transformation der brasilianischen Wirtschaft. US-Firmen verstärken derzeit die Investitionen in Rechenzentren und CloudDienste in Brasilien.

Die Voraussetzungen für eine intensive Beteiligung deutscher Unternehmen am digitalen Wandel Brasiliens stimmen. Europa ist seit Juni erstmals direkt über ein Unterseedatenkabel mit Südamerika verbunden. Mit einer deutlich niedrigeren Reaktionszeit schafft die Hochgeschwindigkeitsverbindung über das Ellalink-Netzwerk essenzielle Grundlagen für 5G-Anwendungen. Um technische Handelshemmnisse abzubauen und die Produktsicherheit zu verbessern, führen Brasilien und Deutschland seit 2017 einen fachlichen und politischen Dialog über das Globalprojekt Qualitätsinfrastruktur, in den sich deutsche Unternehmen aktiv einbringen können. Die Rahmenbedingungen für Industrie-4.0-Lösungen sind ein zentrales Thema der Zusammenarbeit. Zudem unterstützt die Auslandshandelskammer São Paulo ihre Mitglieder im Austausch mit brasilianischen Jungunternehmen über das Accelerator-Programm Startups Connected. In den internationalen Rankings von Startup Blink rückten sowohl das Land selbst als auch die Metropole São Paulo 2020 unter die Top-20-Ökosysteme der Welt auf. Und der 5G-Ausbau dürfte Brasiliens Gründer weiter beflügeln.

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