Evakuierungspläne

In politisch instabilen Ländern ist der Bedarf an Aufbauprojekten groß – genauso wie das Risiko für einen Putsch, Revolutionen oder Krieg. Wie Unternehmen sich auf solche Umwälzungen vorbereiten können, und was im Notfall zu tun bleibt.

Dezember 2021
Autorinnen: Selma Schmitt und Caroline Lindekamp, wortwert

Der Militärflughafen in Kabul: US-Soldaten und andere NATO-Mitglieder evakuieren Menschen aus Afghanistan. © Andy Spyra/laif

Als die Amerikaner ihre Truppen aus Afghanistan abzogen, kamen die Taliban – und zwar viel schneller, als viele im Westen erwartet hatten. An Kabuls Flughafen drängten sich Massen an Flüchtlingen. Deutschland und andere Staaten arbeiteten unter Hochdruck an Rückholaktionen. Nicht nur Militär, Botschaften und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) brachten ihre Leute außer Landes, sondern auch Unternehmen. Sie mussten unmittelbar reagieren, um ihre Expats zurückzuholen, bevor immer mehr Ausreisewege versperrt waren. Der Logistiker Deutsche Post DHL zum Beispiel startete an dem Wochenende vor dem US-Truppenabzug eine Rückholaktion für Auslandsmitarbeiter in Afghanistan. In DHL-Bussen und Frachtflugzeugen gelangten so fast 300 Menschen im letzten Moment außer Landes.

Eine Revolution, ein Putsch oder ein Bürger­krieg, bei dem innerhalb weniger Tage neue Machthaber das Sagen haben wie in ­Afghanistan – solche politischen Umbrüche sind keine Seltenheit und ein großes Risiko für exportorientierte Unternehmen mit Auslandsniederlassungen. „Wir leben in einer sehr volatilen Zeit“, sagt Axel Wochinger, ­Geschäftsführer der Result Group aus München. Die Berater unterstützen Unternehmen beim globalen Risikomanagement – unter anderem in Afghanistan. Politische Unruhen können Unternehmen unerwartet treffen und die Rahmenbedingungen für ihre Auslandsgeschäfte massiv ändern. Seit dem Ausbruch der Coronapandemie hat sich die Situation in vielen Ländern verschärft. So stuft der Global Peace Index 2021 derzeit 46 Länder weltweit als politisch instabil ein – Tendenz steigend.

Umgekehrt gibt es gute Gründe, als Unternehmen gerade in Krisenländern aktiv zu werden. „Deutschland kann als Exportnation auch in instabilen Staaten von den vielen Infrastrukturprojekten profitieren und Märkte erschließen, die noch nicht so besetzt sind“, sagt ­Wochinger. Subventionen fördern Aufbauarbeiten und sollen Strukturen für eine bessere Zukunft schaffen. Ein Land, das heute politisch instabil ist, kann in ein paar Jahren eine aufstrebende Volkswirtschaft sein. Von dem Aufschwung profitieren dann aber nur diejenigen Unternehmen, die sich frühzeitig positioniert haben und nicht erst, wenn die Konkurrenz den Markt längst unter sich aufgeteilt hat.

Damit der Tanz auf dem Vulkan nicht schiefgeht, brauchen Unternehmen in Krisenländern indes ein besonders gutes Risiko­management. „Unternehmen haben eine Fürsorgepflicht – sowohl gegenüber ihren Mitarbeitern, sind aber auch den Anteilseignern gegenüber in der Verantwortung“, sagt Wochinger. Indem sie Risiken im Vorfeld erkennen und Abwehrmechanismen installieren, können sie den Schritt auch in politisch fragile Regionen wagen. Typische Risikofaktoren dort – auch ohne Revolution oder Krieg: „Autokratische Strukturen, fehlende Rechtsstaatlichkeit und Korruption“, zählt Result-Group-Chef Wochinger auf.

Chefs müssen wachsam bleiben

Beispiel Venezuela: Der einst reichste Staat Südamerikas ist unter Prä­sident Nicolás Maduro in eine tiefe Krise gestürzt. Willkürliche staatliche Regeln machen eine verlässliche Planung unmöglich. Menschen und Wirtschaft leiden unter der steigenden Armut und der anhaltenden Hyperinflation. Am 1. Oktober strich die venezolanische Zentralbank erneut sechs Nullen des Bolívar – schon das dritte Mal, dass sie die nationale Währung abwertete. Trotzdem: Es gibt nicht wenige deutsche Unternehmen, die an den Standort glauben und ihre Niederlassungen vor Ort aufrechterhalten. Ein Großkonzern betont Venezuelas Potenzial für die Branchen Landwirtschaft und Gesundheit. Der Ansprechpartner will aus Sicherheitsgründen anonym bleiben – genau wie der Vertreter eines Ingenieurdienstleisters aus Deutschland. „Wir machen weiter, weil wir im Land die Voraussetzungen für einen Aufschwung sehen und weil wir zum Wiederaufbau der Infrastruktur beitragen können“, sagt ein verantwortlicher Mitarbeiter.

Auch unter den gegenwärtigen Umständen seien Geschäftsaktivitäten möglich – wenn auch schwierig. „Es ist immer eine Kosten-Nutzen-Rechnung, wann es sich lohnt, ein Risiko einzugehen und wie das akzeptable Risiko eingeschätzt wird“, sagt Wochinger. „Die Risiken sind je nach Land unterschiedlich – und erfordern immer individuelle Maßnahmen.“ Wenn Revolutionäre Anlagen demolieren, zahlt vielleicht die Versicherung. Wenn Milizen Expats entführen, können Unternehmen die eigenen Mitarbeiter mit Sicherheitstrainings und Personenschützern wappnen.

Krisenteam kommuniziert laufend

Der deutsche Ingenieurdienstleister, der in Venezuela Infrastrukturprojekte begleitet, hat ein festes Krisenteam mit klaren Aufgaben bestimmt. Dazu gehört vor allem das Monitoring der aktuellen Entwicklungen und die Kommunikation an die Mitarbeiter. „Wir spielen mit offenen Karten und klären unsere Kollegen laufend über die Situation auf“, sagt der anonyme Ansprechpartner des Unternehmens. Die Führung hat Spezialisten und Coaches zur psychologischen Unterstützung der Mitarbeiter hinzugezogen. „Zudem passen wir die Gehälter und Leistungen regelmäßig an.“ Fachkräfte sind seit dem Ausbruch der Regierungskrise noch knapper als ohnehin schon, denn vor allem junge, gut ausgebildete Venezolaner fliehen aus ihrem Heimatland. Auch einige Expats wollen raus. Das Unternehmen versetzt sie dann auf Wunsch in eine andere Auslandsniederlassung.