Mangelwirtschaft

Deutschland ist auf Technologiemetalle und andere kritische Rohstoffe angewiesen, wenn es den Weltmarkt weiter mit Hightech beliefern will. Die Energiewende erhöht den Bedarf zusätzlich. Wo die begehrten Materialien künftig herkommen sollen.

Dezember 2022
Autor:innen: Jenny Eberhardt und Fabian Möpert

In einer modernen Windkraftanlage stecken fast 40 chemische Elemente, viele davon Mangelware in Europa. © Hermann Bredehorst/Polaris/laif

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„Deutschland ist erpressbar“, lautet das ernüchternde Fazit des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) anlässlich des siebten BDI-Rohstoffkongresses im Oktober 2022. Die politische Zeitenwende sei auch eine Zeitenwende für die Versorgung mit mineralischen Rohstoffen, sagte BDI-­Präsident Siegfried Russwurm auf dem Kongress. Der Spitzenverband der deutschen Industrie fordert deshalb mehr strategisches Vorgehen in Sachen Rohstoffpolitik und präsentierte einen Fünfpunkteplan für mehr Versorgungs­sicherheit.

Denn die Wirtschaft ist von Rohstoffen abhängig, gerade auch in Anbetracht des geplanten Umbaus zur Klimaneutralität. Ob wartungsarme Windturbinen, hocheffiziente Solarpaneele, Elektromotoren, leistungsfähige Batterien oder 3-D-Drucker: Um Hochtechnologieprodukte herstellen zu können, sind Spezialrohstoffe unverzichtbar und in immer größeren Mengen nötig. Meist geht es um Metallerze und Industriemineralien. Zum Beispiel Lithium, Kobalt und Grafit für Lithium-Ionen-Akkus. Oder die sogenannten seltenen Erden, eine Gruppe von 17 Metallen, die man in der Industrie etwa für Permanentmagnete, Katalysatoren oder Legierungen benutzt.

167 Mrd.

Tonnen beträgt laut OECD die weltweite Rohstoffnachfrage bis zum Jahr 2060 – mehr als doppelt so viel wie heute.

Der weltweite Bedarf für zahlreiche High­techrohstoffe könnte sich innerhalb der kommenden 20 Jahre vervielfachen, warnte die Deutsche Rohstoffagentur (DERA) schon seit Jahren. Ein wichtiger Treiber ist die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft. Beim für die Elektromobilität wichtigen Lithium etwa dürfte der Bedarf im Jahr 2040 ungefähr sechsmal so hoch wie die Primärproduktion 2018 sein, bei Kobalt viermal so hoch.

Immer mehr Rohstoffe sind kritisch

Deutschland ist einer der fünf größten Rohstoffimporteure weltweit und bezieht den größten Teil fast aller wichtigen Metallerze und Industriemineralien aus dem Ausland. Meist stecken sie in weiterverarbeiteten Zwischenprodukten. Besonders kritisch ist die Abhängigkeit laut dem Münchner Ifo-Institut bei Kobalt, Bor, Silizium, Grafit, Magnesium, Lithium, Niob, Titan sowie bei allen seltenen Erden. Diese Rohstoffe sind für viele zukunftsweisende Schlüsseltechnologien von entscheidender Bedeutung – und schwierig zu beschaffen. Für die EU stuft die Europäische Kommission mittlerweile insgesamt 30 Rohstoffe als kritisch ein. Damit hat sich die Zahl der so klassifizierten Rohstoffe seit der ersten EU-Erhebung 2011 nahezu verdoppelt.

Dabei kommen viele der Hightechrohstoffe gar nicht so selten in der Erdkruste vor, auch nicht die seltenen Erden. Die Herausforderung ist, sie wirtschaftlich und umweltschonend abzubauen. Also tun das nur einige wenige Länder, und es gibt lediglich eine Handvoll Bergbaukonzerne, die Spezialrohstoffe fördern und aufbereiten. Die Volksrepublik China etwa ist der wichtigste Lieferant für 19 der insgesamt 30 kritischen Rohstoffe auf der EU-Liste. China dominiert die Förderung und Weiterverarbeitung von seltenen Erden und Indium. Auch bei Bor, Grafit, Lithium, Kobalt, Silizium, Magnesium oder Titan ist das Reich der Mitte laut Analyse des Münchner Ifo-Instituts jeweils unter den fünf wichtigsten Exporteuren weltweit.

China deckt nicht nur die gesamte Wertschöpfungskette vom Abbau der Erze bis zur Endanwendung ab. Die Volksrepublik hat bei vielen Rohstoffen und Handelsprodukten auch einen Marktanteil von mehr als 75 Prozent. Der aktuelle Fünfjahresplan der chinesischen Regierung zeigt auch, dass die Volksrepublik immer stärker versucht, ihre Abbaukapazitäten künstlich zu deckeln und mit Exportbeschränkungen zu kombinieren.

Das Ziel: China könnte seinen Rohstoffvorteil in eine Technologie- und Marktführerschaft bei zukunftsweisenden Schlüsseltechnologien übersetzen. „China könnte in den nächsten Jahren weiterhin Produktionskapazitäten einschränken und sich stärker auf seine Binnennachfrage konzentrieren, auch um seine CO2-Emissionen zu reduzieren“, sagt DERA-Rohstoffspezialist Sven-Uwe Schulz. „Dies wird Auswirkungen auf die internationalen Rohstoffmärkte und das Gesamtangebot haben.“

6 Tipps, wie Unternehmen ihre Rohstoffrisiken analysieren können

1. Inventur machen

Welche Rohstoffe, Zuschlagstoffe, Legierungen, Halbzeuge und Fertigwaren setzen wir im Produktionsprozess überhaupt ein?

2. Mengen abschätzen

Wie sind die jeweiligen Produktkomponenten und Vorprodukte im Produktionsprozess mengenmäßig zusammengesetzt?

3. Relevanz prüfen

Welche monetäre und strategische Bedeutung haben die eingesetzten Rohstoffmengen bezogen auf das Unternehmensergebnis?

4. Abhängigkeiten klären

Welche systemrelevanten Rohstoffe sind potenziell kritisch für Preis- und Lieferrisiken?

5. Handelshemmnisse identifizieren

Für welche der potenziell kritischen Rohstoffe gibt es zusätzlich Handelsbeschränkungen?

6. Restrisiko abschätzen

Welche weiteren Beschaffungsrisiken bestehen für die potenziell kritischen Rohstoffe?

Quelle: Deutsche Rohstoffagentur

Beim wichtigen Batterierohstoff Lithium stammen fast 80 Prozent der weltweiten Lithium­förderung entweder aus Chile oder Australien. Gut 80 Prozent des in der EU verarbeiteten Lithiums wird aus Chile importiert. Platinmetalle – in Europa unter anderem für Katalysatoren oder als Stahlveredler wichtig – kommen zum Großteil aus der Republik Südafrika. Auch Russland hat im globalen Markt eine Schlüsselrolle, sowohl in der Bergwerksförderung als auch bei der Weiterverarbeitung. Nickel und Titan bezieht Deutschland noch zu über 40 Prozent aus Russland. Die Demokratische Republik Kongo ist mit einem Anteil von etwa 60 Prozent der weltweit größte Kobaltproduzent. Mehr als die Hälfte aller Kobaltvorkommen lagern dort. Das Erz wird allerdings unter häufig prekären Arbeitsbedingungen und mangelhaften Umweltstandards abgebaut.

Für deutsche Unternehmen, die der Gesetzgeber bald verpflichtet, Sozial- und Umweltstandards entlang ihrer gesamten Wertschöpfungsketten einzuhalten, sind solche Lieferanten oft kaum tragbar. Die ersten Großunternehmen haben bereits reagiert. „Deutsche Unternehmen strukturieren ihre Lieferketten entsprechend um“, beobachtet DERA-Kobaltexperte Siyamend Al Barazi. Der Autobauer BMW hat 2019 angekündigt, das Lithium für seine Batterieproduzenten künftig in Australien und Kobalt in Marokko und Australien direkt einzukaufen. Zusammen mit BASF und Samsung will BMW zudem die Arbeitsbedingungen im kongolesischen Kobaltbergbau verbessern.

Hilfe bei Fragen rund um die Umsetzung menschenrechtlicher Sorgfaltsprozesse gibt es beim Helpdesk Wirtschaft & Menschenrechte in der Agentur für Wirtschaft & Entwicklung. Mit dem Lieferkettensorgfalts­pflichtengesetz ist das Interesse an den Angeboten des Helpdesks deutlich gestiegen. In den ersten drei Quartalen diesen Jahres hat das Team des Helpdesk 780 Unternehmen beraten. „Die Unternehmen erkennen, dass sie das Thema nachhaltiges Lieferkettenmanagement sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus gesetzlichen Gründen nicht vernachlässigen dürfen“, sagt Katharina Hermann, Leiterin des Helpdesk. Hierbei kommen Fragen zur Risikoanalyse, zu Lieferantenkodexen, der Rolle von Standards, Beschwerdemechanismen und vielem mehr.