Smart-Farming –
Ackern für die Zukunft

Drohnen, Apps und autonome Fahrzeuge: Die Landwirtschaft wird immer digitaler. Vor allem Flächenstaaten wie die USA und Kanada sind hier Vorreiter. Doch trotz der vielen Vorteile und Anwendungsmöglichkeiten ist Smart Farming noch nicht bei allen Bauern angekommen.

Dezember 2021
Autorinnen: Christina Otte und Beate Voell

Mähdrescher des deutschen Spezialisten Claas: Darin steckt ein halbautonomer Autopilot. Der Fahrer fährt damit aufs Feld und programmiert die Bahnen. Durch GPS-Ortung fährt die Maschine dann selbstständig ab. © Claas

Über einem spanischen Weinberg schwebt eine Drohne. Viele spanische Winzer setzen die fliegende Technologie bereits ein. Und auch andere Landwirte im Land schätzen die Analyse von Echtzeitdaten – so können sie Wasser, Dünger und Pflanzenschutzmittel genau dosieren. Das schont nicht nur Ressourcen, sondern verhindert auch Verschmutzungen. Neben bekannten Namen wie ABB und Bosch sind auf dem spanischen Markt für Smart Farming auch etliche Start-ups vertreten.

Der Agrarsektor ist bedeutend für Spaniens Wirtschaft. Die Pflanzenproduktion erreichte 2020 rund 30 Milliarden Euro. Das Landwirtschaftsministerium schätzte die Tierproduktion auf 20,2 Milliarden Euro. Nachhaltigkeit und technische Modernisierung stehen auf der Agenda, um den steigenden Temperaturen und dem sinkenden Wasserangebot zu begegnen. Spaniens Aufbau- und Resilienzplan sieht gut eine Milliarde Euro für den Komplex Landwirtschaft, Fischerei und Nahrungsmittel vor. So sollen veraltete Bewässerungssysteme erneuert und die Digitalisierung gefördert werden.

21 Mrd. US-$

Der Markt für Smart Farming wird 2026 21 Mrd. US-Dollar schwer sein.

6 Mrd. US-$

Deutsche Landmaschinenhersteller haben laut VDMA 2020 sechs Milliarden US-Dollar im Export umgesetzt.

Nicht nur in Spanien, sondern weltweit stecken Regierungen Milliarden in die Forschung, Entwicklung und Anwendung von modernen Informations- und Telekommunikationstechnologien in der Landwirtschaft. Das sogenannte Smart Farming ist in der Branche auf dem Vormarsch. Die Anwendungsbereiche sind vielfältig: Sie reichen vom Pflanzenschutz über Aussaat, Düngung bis hin zur Tierhaltung. Die Ziele sind immer dieselben: Die Technologien sollen den Ertrag erhöhen und gleichzeitig den Ressourceneinsatz und damit die Kosten und Folgen für die Umwelt reduzieren. Sie sollen das Tierwohl verbessern. Auch die Klimawandelfolgen kann Smart Farming abfedern. Beispielsweise sammeln Sensoren Wetterdaten in Echtzeit, nach denen Landwirte automatisiert und optimiert ihre Felder bewässern.

Landtechnik immer smarter

Auch bei Landmaschinen kommen immer mehr digitale Technologien zum Einsatz: Schon heute sind die meisten neuen Maschinen mit Sensorik ausgestattet, um GPS-Daten zu erfassen. Auch Assistenzsysteme zum teilautonomen Fahren und Datenmanagementsysteme werden mehr und mehr zum Standard. Apps sind vor allem bei bürokratischen Aufgaben eine große Hilfe. „Landwirte müssen ihre Arbeit detailliert dokumentieren, um gesetzliche Auflagen zu erfüllen“, sagt Yasmin Möhring, Pressesprecherin des Agrarsoftwareunternehmens 365 Farm Net. Smarte Software automatisiert große Teile der Dokumentation und minimiert so den Verwaltungsaufwand.

»DIE WIRKLICHEN TOOLS NUTZEN NICHT MAL ZEHN PROZENT DER LANDWIRTE.«

Jörg Migende, Chief Development Officer Agrar/Technik bei Baywa, ist überzeugt: Jeder, der Landwirtschaft professionell betreibt, wird in der Zukunft mit digitalen Technologien arbeiten. Besonders im Vorteil sind Großflächenländer.

Wo sehen Sie das größte Potenzial für Smart Farming?

Grundsätzlich bietet die Digitalisierung zwei Chancen: Einmal geht es um mehr Produktivität auf dem Acker. Mit dem Bevölkerungswachstum steigt die weltweite Nachfrage, und Produktionssteigerungen sind nötig. Letztere finden in der Schwarzmeerregion, in Südamerika und in Asien, vor allem in China, statt. Technologie kann einen solchen Produktionsschub insbesondere in Großflächenländern bringen wie etwa in Argentinien, Brasilien, den USA, Kanada, China, der Ukraine, Rumänien, Bulgarien und Russland. Das zweite Potenzial der Digitalisierung liegt in einer nachhaltigeren Landwirtschaft. Und das ist auch ein europäisches Thema.

Welche Smart-Farming-Technologien setzen Landwirte am häufigsten ein?

Heute wenden in Deutschland 82 Prozent der Landwirte digitale Technologien an. Die meisten setzen jedoch auf Teilautomatisierung. Beispielsweise ist heute eine automatische Lenkung bei neuen Traktoren Standard. Apps sind beliebt und informieren etwa über das Wetter. Aber die wirklichen Tools wie algorithmusgestützte Präzisionsanwendungen von landwirtschaftlichen Betriebsmitteln nutzen nicht mal zehn Prozent. Dabei haben genau diese Anwendungen das größte Potenzial, um die Produktivität und Nachhaltigkeit zu steigern.

Wird bald jeder Landwirt künstliche Intelligenz einsetzen?

Digitalisierung ist normaler technischer Fortschritt. Jeder, der Landwirtschaft professionell betreibt, wird mit diesen Technologien in irgendeiner Art arbeiten. Dafür muss die Bedienung einfach und der Zeitaufwand gering sein. Ein weiterer Treiber ist der Wunsch der Verbraucher nach der Nachverfolgbarkeit der Nahrungsmittel.

Interview: Eva-Maria Korfanty-Schiller
© Baywa/Jörg Migende

Smart Farming noch ausbaufähig

Die Beispiele zeigen: Das Anwendungspotenzial von Smart Farming ist immens und zieht sich durch alle Bereiche der Landwirtschaft. Doch die Anwendungen sind längst nicht flächendeckend in der Praxis angekommen. Der Digitalisierunsgrad der Branche ist weltweit verschieden. In großen Flächenstaaten wie den USA, Argentinien oder Kanada ist Smart Farming weit fortgeschritten. Aber selbst dort ist der Fortschritt kein Selbstläufer. Die hohen Anschaffungskosten, das notwendige Knowhow zum Umgang mit der Technik und die wirtschaftliche Rentabilität stellen vor allem kleinere Betriebe vor Herausforderungen.

Die nötige digitale Infrastruktur setzt dem Smart Farming weitere Grenzen – in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern, aber auch in den ländlichen Regionen von Industrienationen. Bisher hat sich die Branche zudem nur auf wenige Standards geeinigt. Die uneinheitlichen Standards bei den Datenschnittstellen lassen beispielsweise offene Fragen bei der Datensicherheit.

Nichtsdestotrotz ist das Wachstumspotenzial für Smart Farming groß. Laut einem Marktbericht von Markets And Markets belief sich der Marktumsatz im vergangenen Jahr auf fast 14 Milliarden US-Dollar und dürfte bis 2026 auf 21 Milliarden US-Dollar steigen. Deutsche Anbieter mischen in diesem Markt kräftig mit. So schätzte der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) das Exportgeschäft der deutschen Landtechnikproduzenten im Jahr 2020 auf mehr als sechs Milliarden US-Dollar. Ihre Innovationen haben auch großes Potenzial für die Landwirtschaft hierzulande – wenn sie es denn tatsächlich in die Anwendung schaffen.

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