Süße Versprechen

Guyana will ein global relevanter Ölproduzent werden. Mineralölkonzerne haben eine Reihe von Offshoreölfeldern entdeckt, die das südamerikanische Land zum zweitgrößten Ölproduzenten der Region machen könnten. Die politischen Rahmenbedingungen bleiben indes herausfordernd.

April 2021
Autorin: Judith Illerhaus

Verwaiste Zuckerplantage in Skeldon: Der 59-jährige Ferdinand Guptard arbeitete jahrelang für den staatlichen Zuckerproduzenten Guyana Sugar Corporation. Mit den Investitionen aus dem Ölfund will die Regierung die schwächelnde Zuckerwirtschaft wieder ankurbeln. © TheNewYorkTimes/Redux/laif

Das Jahr 2015 war ein verheißungsvolles für Guyana: Der US-Mineralölkonzern Exxon Mobil verkündete den ersten Ölfund überhaupt in dem kleinen Küstenstaat zwischen Venezuela und Suriname. Auf das erste Ölfeld, bekannt unter dem Namen Liza, folgten zahlreiche weitere Vorkommen. Experten schätzen, dass sich vor Guyanas Küste potenziell etwa acht Milliarden Barrel Rohöl fördern lassen könnten. Bisher engagieren sich beim Ölfund vor allem die USA, China, Spanien, das Vereinigte Königreich und Kanada.

Der Ölfund könnte dem starken Agrarsektor des Landes den Rang ablaufen: Bislang basiert die Wirtschaft des Landes (lesen Sie hier die Marktprognose für Guyana) größtenteils auf der starken Landwirtschaft, Guyana exportiert unter anderem Reis und Zucker und ist stark abhängig von deren Export. Die Ölvorkommen ziehen nun internationale Investoren ins Land, die USA haben 2018 sogar eine Handelskammer in der Hauptstadt Georgetown eröffnet. Im Jahr 2020 wuchs das Bruttoinlandsprodukt laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) um 26 Prozent. Für 2021 geht der IWF jedoch „nur“ von einem Wachstum von acht Prozent aus. In den Folgejahren soll die Wirtschaft Prognosen zufolge 30 Prozent (2022) und 22 Prozent (2023) wachsen.

Präsident Mohamed Irfaan Ali hatte vor seiner Wahl im Frühjahr 2020 versprochen, einen Großteil der Gewinne aus der Ölförderung in die bereits in Teilen geschlossenen Rohrzuckerraffinerien und deren Modernisierungen zu investieren. Dennoch dürfte der bisher so wichtige Agrarsektor durch die neuen Ölfunde zunehmend an Bedeutung verlieren. Da das Gesundheitssystem und die Infrastruktur als marode gelten, ist es wahrscheinlich, dass vor allem diese Branchen künftig von dem bevorstehenden Ölboom profitieren werden. Ebenso der Energiesektor: Guyana will seinen Energiebedarf möglichst bald komplett aus regenerativen Energien decken. Hierfür hat die Regierung die ambitionierte Green State Development Strategy aufgelegt, die eine Vision des Guyana im Jahre 2040 skizziert.

Schwierige politische Lage

Das schwarze Gold bringt allerdings zahlreiche Herausforderungen mit sich. Das wirtschaftlich instabile Land, dessen Handelsbilanz hauptsächlich durch den Export von Zuckerrohr, Gold und Bauxit positiv beeinflusst wird, erhoffte sich einen Aufschwung. Stattdessen befeuert der Fund die historisch begründeten Spannungen im Land und führt dazu, dass ein Großteil der Bevölkerung sich nun darum sorgt, dass der neu gewonnene Reichtum das Land und seine noch junge Demokratie überfordert – so wie es dem Nachbarland Venezuela erging.

Guyana ist mit seiner winzigen öffentlichen Verwaltung kaum in der Lage, die Gesetzeslage schnell genug anzupassen und entsprechend auf die rasanten Entwicklungen zu reagieren. Unter anderem findet die Handhabung von Ölförderung in den Minen- und Umweltgesetzen des Landes bisher keinerlei Erwähnung. Die Weltbank und die Interamerikanische Entwicklungsbank unterstützen Guyana bei der Umstrukturierung.

Seit seiner Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich im Jahr 1966 kämpft Guyana bis heute mit vielschichtigen Problemen. Das Erbe jahrhundertelanger Kolonialisierung ist auch heute noch spürbar und wird bei Betrachtung der guyanischen Bevölkerung ganz offensichtlich: 40 Prozent der rund 780.000 Guyaner haben indische Vorfahren. Die zweitgrößte Gruppe der Einwohner, circa 30 Prozent, bezeichnet sich als Afro-Guyaner. Die Armutsquote liegt bei mehr als 40 Prozent, das heißt: Fast jeder zweite Guyaner lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Die Regierung investiert zu wenig in Bildung, Infrastruktur und das Gesundheitssystem – und häuft zugleich immer mehr Schulden an. Darüber hinaus sieht sich Guyana mit einer der höchsten Auswanderungsraten weltweit konfrontiert: Etwa die Hälfte aller Hochschulabsolventen verlässt das Land, und rund 39 Prozent aller Staatsbürger leben im Ausland. Ob der Ölboom die Abwanderung stoppen kann, wird sich zeigen.

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