Super Markt?

Durch die Coronakrise wächst der Onlinehandel in Mexiko. Doch dies ist nicht der einzige Trend, der Logistikanbieter zu mehr Investitionen veranlasst. Deutsche Logistiker und Ausrüster können jetzt helfen, die Prozesse im Handel zu verbessern.

August 2020
Autor: Florian Steinmeyer

Softwareentwickler des argentinischen E-Commerce-Unternehmens Mercado Libre in Buenos Aires: Der Onlinehändler dominiert den lateinamerikanischen Markt und ist auch in Mexiko erfolgreich. © Bloomberg/Kontributor

Das Coronavirus lässt Mexikos Wirtschaft einbrechen, doch im Onlinehandel des Landes herrscht Goldgräberstimmung. In nur einem ­Monat sei die Zahl der Sendungen um 50 Prozent nach oben geschnellt, berichtet Ingo Babrikowski, Geschäftsführer von Estafeta, einem der größten Logistikanbieter Mexikos. „Da viele Menschen das erste Mal mit dem Kauf per Internet in Berührung kommen, macht die Branche in dieser Zeit einen Sprung wie ansonsten in fünf Jahren nicht.“

Schon vor Corona stiegen die Onlineumsätze im Land stark an – allein 2019 um 29 Prozent. Jetzt zeigen Daten des E-Commerce-Verbands AMVO, dass das Interesse der Konsumenten am Kauf per Internet in der Coronakrise weiter zugelegt hat. Zwar gibt es Unterschiede je nach ­Produktkategorie, insgesamt werden die Seiten der Onlinehändler jedoch noch häufiger besucht.

Mexikanische Händler müssen aufrüsten

„Durch die Situation erreichen mehr Firmen kritische Volumina im Onlinehandel“, sagt Alberto Hernández, Vizepräsident des Logistikverbands Asociación de Operadores Logísticos de México (AOLM). „Das stößt sowohl bei den Händlern als auch bei ihren Transportpartnern Investitionen in Technologie und Prozesse an.“ Er schätzt: Aktuell betreibe bestenfalls die Hälfte der Speditionen ein systematisches Warenmanagement. „Auf der anderen Seite gibt es bereits einige sehr professionelle Player im Land“, stellt Hernández klar. Amazon aus den USA und der argentinische Konzern Mercado Libre dominieren den Onlinehandel. Auch traditionelle Handelskonzerne wie die US-Supermarktkette Walmart und die mexikanischen Kaufhausbetreiber Liverpool und Coppel sind gut im digitalen Handel unterwegs. In der Logistik vereinen die drei Anbieter Estafeta, DHL und Fedex je rund ein Drittel des Marktes auf sich.

Chancencheck: Hier modernisiert Mexiko den Handel

Neue Technologien

Bedarf besteht an zahlreichen Produkten: Warenmanage- mentsystemen, Cloud-Lösungen, aber auch an Hardware wie Sensoren und GPS-Ausrüstung. Vor allem die großen Branchenplayer wollen in Zukunftstechnologien investieren, darunter in künstliche Intelligenz für Chatbots und Prognosen von Lieferverzögerungen. Auch die Cybersicherheit wird immer wichtiger, wie man an wachsenden Investitionen unter anderem in Blockchain-Protokolle sehen kann.

Frachtbörsen

Mit Fleteya, Nowports, Quick, Rutanet, Solistica und Uship sind bereits mehrere Anbieter von Frachtbörsen im Land aktiv, doch der Markt ist zersplittert und viele Börsen erfüllen nicht jede der komplexen Anforderungen. Befragungen zeigen, dass sowohl Auftraggeber als auch Transporteure sich Funktionen wünschen, um gut bewertete Marktteilnehmer identifizieren zu können.

Weiterbildung

Angesichts der Vielzahl an kleinen Logistikfirmen und der oft unerfahrenen öffentlichen Verwaltung gibt es erhebliche Potenziale in der Weiterbildung. Das Logistikforschungsinstitut IMT arbeitet an einer Weiterbildungsplattform, die sich an Unternehmen und staatliche Entscheidungsträger richtet. Derzeit wird das Projekt von der Kühne Logistics University in Hamburg evaluiert.

Mexiko wird US-Nearshoring-Standort

Corona hat noch einen weiteren Effekt auf die Logistik. „Die aktuelle Krise zeigt, wie fragil interkontinentale Lieferketten sein können“, gibt Enrico Böhme zu bedenken, Lateinamerikaleiter für den Bereich Luftfracht bei der deutschen Spedition Dachser. Industriekonzerne dürften ihre Produktionsstätten daher künftig näher an die nordamerikanischen Konsumzentren verlegen. Das heißt: Es gibt mehr Lieferungen innerhalb der Region. „Wir arbeiten derzeit an Lösungen, um den regionalen Handel noch effizienter bedienen zu können“, sagt Böhme. Der Trend zur Regionalisierung zeichnete sich schon zuvor durch die Unterzeichnung des neuen Freihandelsabkommens United States Mexico Canada Agreement und den Handelsstreit zwischen China und den USA ab. Die USA sind schon heute bei Weitem der wichtigste Handelspartner Mexikos. Rund 75 Prozent der Exporte gehen über die nördliche Grenze. Angesichts der Entwicklungen nehmen Händler und Logistiker viel Geld in die Hand. „Wir werden 2020 rund 25 Prozent mehr investieren, als vor Corona geplant“, sagt Ingo Babrikowski und ergänzt: „Vor allem im Bereich Onlinehandel steigern wir derzeit unsere Kapazitäten.“ Andere Logistiker wie die deutsche DHL haben ähnliche Pläne. Der Konzern gab bereits im Jahr 2019 bekannt, bis 2024 rund 300 Millionen US-Dollar in Mexiko investieren zu wollen. Mercado Libre stellte Mitte Februar Pläne vor, wonach der Onlinehändler 2020 etwa 420 Millionen US-Dollar im Land ausgeben wird – 40 Prozent mehr als im Vorjahr.

Alberto Hernández vom Logistikverband AOLM sieht die technischen Möglichkeiten – und damit den Investitionsbedarf – für die kommenden Jahre bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. „Dank 5G werden wir in Zukunft über noch mehr Daten verfügen.“ Entsprechend breiter werden die Möglichkeiten für Transporteure und Onlinehändler, die Informationen zu den Bestell- und Versandprozessen auszuwerten. Telekommunikationsfirmen in Mexiko investieren derzeit, um 5G-Services ab 2024 in der Breite anbieten zu können.

Speditionen sehen Automation kritisch

Laut dem öffentlichen Forschungsinstitut Instituto Mexicano del Transporte (IMT) wissen oft weder die Verantwortlichen im Staatsapparat noch die Transporteure selbst, was alles technisch und organisatorisch möglich ist. „In den Stadtverwaltungen arbeiten nur wenige dezidierte Logistikspezialisten“, sagt Gastón Cedillo, technischer Direktor am IMT. Und unter den Speditionen dominieren die sogenannten Hombre-Camión (Lkw-Männer) – kleine Betriebe mit nur ein bis fünf Fahrzeugen. Laut Verkehrsministerium Secretaría de Comunicaciones y Transportes machten sie 2018 knapp 81 Prozent aller Transportunternehmen aus.

Logistikverbandssprecher Alberto Hernández sieht ein weiteres Hindernis: Kleine und mittelständische Logistiker im Land investierten nur zögerlich und hätten Vorbehalte gegenüber technischen Neuerungen. „Automatisierung wird häufig als reiner Kostenfaktor gesehen.“

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