Twin-Pieks auf dem Weg zur Freiheit

Gerit Schulze von der GTAI in Moskau hat sich mit dem russischen Impfstoff Sputnik V impfen lassen. In seinem neuesten Blog-Beitrag berichtet er über seine Erfahrungen vor Ort und warum der in Europa kontrovers diskutierte Impfstoff in Russland selbst ein Ladenhüter ist.

März 2021
Autor: Gerit Schulze

Impfen ist in Russland auch in Einkaufszentren, vor Supermärkten oder im Theater möglich. Ein Ausweisdokument genügt. © Gerit Schulze, GTAI Moskau

Jetzt habe ich es schwarz auf weiß: In meinem Blut drängeln sich 124 Gammaglobuline pro Milliliter Lebenssaft. Das bedeutet Immunität und weitgehenden Schutz vor dem Coronavirus. Geschafft hat dieses kleine Wunder ein Stoff, der in Europa derzeit für viel Diskussionen sorgt und in Russland eher ein Ladenhüter ist: Sputnik-V.

Moskau wollte unbedingt schneller, besser, mutiger sein als der Westen. Und so registrierte das Gesundheitsministerium schon am 11. August 2020 den einheimischen Impfstoff Gam-COVID-Vac, noch vor Beginn der dritten klinischen Phase.

Wiederholung des Sputnik-Schocks?

Diese Notfallzulassung ebnete den Weg für die breite Anwendung in Russland. Um den Propagandasieg perfekt zu machen, hieß das neue Mittel fortan „Sputnik-V“. Reminiszenz an den ersten künstlichen Erdsatelliten, der 1957 den „Sputnik-Schock“ im Westen auslöste und die technologische Überlegenheit der Sowjetunion demonstrieren sollte. Das „V“ steht für Victory – den Sieg über die Krankheit (und über den Westen?).

Doch die weltweite Skepsis war diesmal größer als beim Triumph von 1957. Schließlich war Gam-COVID-Vac in der Testphase nur an ein paar Dutzend Menschen erprobt worden. Große klinische Studien gab es nicht. Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts kritisierte noch am Tag der Sputnik-Registrierung Russlands mangelnde Transparenz bei der Entwicklung des Impfstoffes. Vierzig Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern monierten Ungereimtheiten und Auffälligkeiten in Studienergebnissen zu Sputnik-V, die im Fachmagazin The Lancet veröffentlicht wurden.

Wundersame Wirksamkeit

Und dann übertrumpfte sich Russland auf wundersame Weise selbst bei den Angaben zur Wirksamkeit des Impfstoffs. Als die Konkurrenz von Pfizer/Biontech im Dezember eine Effizienz von 90 Prozent vermeldete, trat sofort das Moskauer Gamaleja-Institut auf den Plan. Die Sputnik-V-Entwickler erhöhten das Gebot sogleich auf 92 Prozent für ihr eigenes Produkt. Als Moderna ein paar Tage später eine Wirksamkeit von 94,5 Prozent für sein Vakzin beanspruchte, revidierten die Russen auffällig schnell ihre ursprüngliche Erfolgsmeldung: 42 Tage nach der ersten Dosis komme Sputnik auf über 95 Prozent.

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