Kreislaufwirtschaft in den USA erfindet sich neu

Die USA produzieren weltweit den meisten Müll. Ein Großteil davon ging jahrzehntelang nach China. Seit 2018 nimmt China den Müll der US-Amerikaner nicht mehr an. Das hat eine neue Entwicklung in Gang gesetzt.

April 2022
Autor: Ullrich Umann

Sesotec kurbelt Absatz von Sortieranlagen an

Die bayerische Sesotec GmbH hat es in den USA mit Abfallsortieranlagen zu einem bekannten Herstellernamen gebracht. Um US-Kunden besser bedienen zu können, hat die Firma im Jahr 2009 im US-Bundesstaat New York, in der Nähe der Niagarafälle, eine Vertriebsniederlassung gegründet, KRS Recycling System. KRS verkauft seither optische Recycling-Sortiermaschinen, die aus Abfällen unregelmäßige, stückige oder zerkleinerte Materialien herausfiltern.

Die Sortieranlagen sind mit Sensoren ausgestattet, die Farben, Formen und Materialien unterscheiden und somit „gleich mehrere Wertstoffe aussortieren können, darunter Plastik, Metall, Braun-, Grün- und Weißglas“, sagt CEO Rich Wielgus.

Wielgus sieht die langjährige Erfahrung seiner Mitarbeiter als Wettbewerbsvorteil. Das sei den Kunden besonders wichtig, weil alle Anlagen an die räumlichen und kapazitätsmäßigen Bedürfnisse vor Ort individuell angepasst und einem Probelauf unterzogen werden.

Für Wartung und Reparatur arbeitet KRS mit lokalen Servicepartnern zusammen. Im Flächenland USA geht es anders auch gar nicht: Ein wichtiger Kunde befindet sich beispielsweise 4.000 Kilometer vom KRS-Firmensitz entfernt, und zwar in Los Angeles an der Westküste.

Bild: © Sensotec

Die Abfallwirtschaft fiel in den USA 2018 in eine tiefe Strukturkrise. Hatte doch die chinesische Regierung überraschend beschlossen, alle Importe von recyceltem Altpapier, Metall oder Plastik zu verbieten, die einen Reinheitsgrad von 99,5 Prozent unterschreiten. Für die Vereinigten Staaten, die den Großteil ihrer Recyclingabfälle bis zu diesem Zeitpunkt in das Reich der Mitte exportiert hatten, erwies sich dieser Schwellenwert als unerreichbar, sie brachten es auf maximal 97 Prozent. Als Konsequenz erlitten US-Recyclingfirmen Verluste oder meldeten Konkurs an.

Profitiert haben dagegen die klassischen Müllentsorger in den USA: Ihre Umsätze und Gewinne schnellten in die Höhe, landet doch etwa die Hälfte des zuvor ausgeführten Recyclingabfalls gegen Gebühr auf ihren Deponien. Noch 2018 erwirtschafteten die rund 11.000 Müllentsorger und Deponiebetreiber einen Umsatz von 80 Milliarden US-Dollar. Nur zwei Jahre später brachten sie es auf 93 Milliarden und 2025 werden es laut Prognosen des U. S. Census Bureau 96 Milliarden US-Dollar sein.

Branchenführer ist der Konzern Waste Management, der es 2020 auf einen Umsatz von 15 Milliarden US-Dollar brachte. Das US-weit operierende Unternehmen mit Hauptsitz im texanischen Houston bietet unter anderem Dienstleistungen der Müllabfuhr und -entsorgung, des Recyclings sowie die Umwandlung von Abfall in Energie an. Etwa 20 Millionen Haushalte, zwei Millionen Unternehmen, verschiedene öffentliche Einrichtungen, andere Müllfirmen sowie Stromversorger gehören zum Kundenstamm.

Landesweite Standards fehlen

Angesichts der 2018 heraufgezogenen Entsorgungskrise zeigten sich Umweltverbände und Nichtregierungsorganisationen besorgt. Für Mitch Hedlung, Executive Director bei Recycle Across America, ist das Grundproblem klar: Es fehlen landesweite Standards und Kennzeichnungspflichten für rückführfähige Wertstoffe. „Jeder Bundesstaat, jede Kommune und Schulbehörde, jeder Betreiber eines Vergnügungsparks, Freibades oder Stadions kann eigene Regeln aufstellen“, betonte sie. Ein flächendeckendes Recycling kommt dadurch nicht zustande. Nur 22 der 50 Bundesstaaten haben die Kreislaufwirtschaft überhaupt geregelt.

Amerika verbraucht pro Kopf nicht nur die meiste Energie, sondern produziert auch den meisten Müll.

Amerika verbraucht pro Kopf nicht nur die meiste Energie, sondern produziert auch den meisten Müll. Inzwischen widmet sich die US-Regierung zwar den schwierig zu bewältigenden Umweltproblemen. Doch mehr als Fördermittel bereitzustellen, kann sie nicht, schließlich ist der Bund für die Abfallwirtschaft in den Bundesstaaten überhaupt nicht zuständig. Im Rahmen der billionenschweren Fiskalpakete, die der US-Kongress im Zuge der Coronakrise 2020 und 2021 verabschiedet hatte, können aber auch bundesstaatliche und kommunale Projekte der nachhaltigen Müllentsorgung und Kreislaufwirtschaft bezuschusst werden.

Begleitend steuert die Privatwirtschaft eigene Projekte bei. So kündigte etwa der Aluminiumspezialist Novelis im Januar 2022 an, am Standort Guthrie (Kentucky) ein Zentrum zur Rückgewinnung von Aluminium aus Altfahrzeugen im Wert von 365 Millionen US-Dollar errichten zu wollen.

Bedarf an Abfallanlagen in den USA steigt

Für deutsche Hersteller von Abfall- und Recyclingtechnik ergeben sich aus den jüngsten Marktentwicklungen in den USA attraktive Exportchancen, wie Karl Rottnick, Referent im Fachverband Abfall- und Recyclingtechnik des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), bestätigt. Der Maschinenbedarf steigt in den kommenden Jahren sogar noch an. Gefragt sind Anlagen zum Pressen, Sieben, Zerkleinern, Sortieren und Separieren von Abfällen, vornehmlich aus Holz, Papier, Kunststoff, Elektrogeräten, Metall, Kompost und Hausmüll.

Smarte Lösungen sorgen für einen zusätzlichen Wachstumsschub. Dazu zählen Maschinen, die Müll automatisiert sortieren, Elektroschrott trennen und recyceln sowie intelligente Deponietechnik. Die Kompostierung von Nahrungsmittelabfällen und die industriemäßige Entsorgung von Altbatterien dürften ebenfalls die Umsätze antreiben. Zudem rückt der Umgang mit Schadstoffen aus der Öl- und Gasindustrie in den Fokus, befindet sich doch das Fracking angesichts der Energieknappheit in den USA im Aufwind.

Exporteuren aus Deutschland bieten sich somit zahlreiche Geschäftschancen, zumal die USA für die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer traditionell den größten Absatzmarkt außerhalb Europas darstellen. Laut einer Mitgliederbefragung des VDMA-Fachverbands Abfall- und Recyclingtechnik entfallen zehn Prozent aller Ausfuhren auf die Vereinigten Staaten. Von den 54 Mitgliedern des Verbands verfügen 18 Unternehmen über eigene US-Niederlassungen für den Vertrieb und After-Sales-Service. Andere kooperieren mit amerikanischen Vertriebspartnern oder Handelsvertretern.

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