Transferleistung

Ein deutsch-serbischer Verpackungstechniker stellt bald Batteriezellen her. Das
Know-how dazu kommt aus der Produktion von Joghurtdeckeln, denn die haben
eine Menge mit den Akkubauteilen gemeinsam. Eine Case Study.

Dezember 2022
Autor: Martin Gaber

Innovation „Made in Serbia“: Aus Deckeln werden Batterien. © Richard Drury/Getty Images

Die Al-Pack-Gruppe wurde 1994 in Subotica, im Norden des heutigen Serbien gegründet. Das Unternehmen bietet Verpackungslösungen, insbesondere für die Lebensmittelindustrie an. Kunden kommen aber auch aus dem Pharma- oder Tierfutterbereich. Im Jahr 2016 hat Al Pack den insolventen deutschen Verpackungshersteller Uniprint Knauer GmbH in Aichstetten übernommen und in die Gruppe integriert. Nach Unternehmensangaben ist der Standort Deutschland seit 2019 profitabel. Seit 2020 treibt das Unternehmen intensiv das Batteriezellenprojekt voran und hat das Spin-off Eleven Es gegründet. Ab 2023 soll Eleven Es komplett ausgegliedert werden. Die Al-Pack-Gruppe beschäftigt insgesamt rund 230 Mitarbeiter.

Die Ausgangslage

Ein neugieriger E-Auto-Fahrer wittert einen Markt

Die deutsch-serbische Al-Pack-Gruppe produziert unter anderem Joghurtdeckel, Aluschalen und Kaffeekapseln für die Lebensmittelindustrie: im serbischen Subotica und im baden-württembergischen Aichstetten. Als Miteigentümer Nemanja Mikać sich selbst ein Elektroauto kaufte, wurde ihm klar, dass „Elektromobilität alles verändern wird“. Er wollte die Technik verstehen und fing an, sich intensiv mit dem Herzstück des E-Autos zu beschäftigen, den Batteriezellen. Mikać stellte fest: Batteriezellen sind ein wachsender Markt mit gigantischem Bedarf. Gleichzeitig stand Europa kurz davor, den Anschluss an Asien zu verlieren. „Es war eine der ersten industriellen Revolutionen, die aus Asien getrieben war“, sagt Mikać. „Europa ist erst vor wenigen Jahren aufgewacht.“

Die Lösung

LFP-Zellen mit Serbiens Lithium und Joghurt-Know-how

Mikać erkannte, dass sich die Produktion von Batteriezellen und Joghurtdeckeln nicht wesentlich unterscheidet: „Rund 40 Prozent sind identisch. Die restlichen 60 Prozent haben noch Übereinstimmungen.“ Er beschloss: Das können wir auch. 2019 startete er das Projekt, gründete das Spin-off Eleven Es, entschied sich, auf die sogenannten LFP-Zellen zu setzen. Diese haben in China bereits einen Marktanteil von rund 65 Prozent, in Europa dagegen fast null. Hier dominieren NMC-Zellen aus Nickel, Mangan, Kobalt und Lithium. LFP-Zellen aus Lithium und Eisenphosphat sind günstiger, nachhaltiger, haben eine längere Lebensdauer und sind sicherer. Ihre Reichweite ist zwar niedriger, allerdings kann man größere Zellpakete bauen und so die Reichweite erhöhen. „Daran arbeiten wir“, sagt Mikać. Er erwartet, dass künftig rund ein Drittel der Pkw in Europa mit LFP-Batterien fahren wird. Der ­Standort Serbien könnte ihm bei seinen Plänen in die Karten spielen. Das Land verfügt im Jadar-Tal über die größten Lithiumvorkommen Europas.

Das Ergebnis

Eine EU-geförderte Mega-Factory

Inno Energy, der Accelerator des EU-eigenen European Institute of Technology (EIT), ist seit Ende Oktober 2021 strategischer Partner – wie auch schon beim schwedischen Unternehmen Northvolt oder Verkor aus Frankreich. Eine Minipilotanlage soll im ersten Quartal 2023 erste Muster – sogenannte A-Samples – an Kunden ausliefern. Parallel dazu will Eleven Es eine erste Mega-Factory bauen, die ab 2024 laufen könnte: mit einer Produktionskapazität von perspektivisch acht Gigawattstunden. Bis 2026 lassen sich damit rund 200.000 Pkw ausstatten – alles mit erneuerbaren Energien betrieben. Herausforderung ist der Standort. Das Land hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, ausländische Investoren wie ZF, Bosch, Continental oder Brose beschäftigen hoch qualifiziertes Personal. Dennoch haftet dem Land weiter das negative Image des Niedriglohnstandorts an. „‚Made in Serbia‘ ist immer noch ein riesiger Nachteil“, klagt Mikać. „Auch der Zugang zu Kapital ist deutlich schwieriger.“

Das Learning

Etablierte Produzenten können sich neu erfinden

Um auf Zukunftsmärkten wie Elektromobilität mitzumischen, müssen Unternehmer nicht unbedingt Start-ups mit revolutionären neuen Konzepten sein. Auch für etablierte Spezialisten mit Prozess- und Produktions-Know-how lohnt es sich, nach Schnittmengen und Ansatzpunkten zu suchen. Dann allerdings ist konsequentes Handeln gefragt – und Überzeugungskraft. Unternehmer Mikać jedenfalls hat keine Angst, er könnte aufs falsche Pferd gesetzt haben. „Wir liegen damit genau richtig, davon bin ich überzeugt.“ Hidden Champions gibt es bekanntlich in Europa zur Genüge. Wer weiß, wie viele Hidden Ideas von Unternehmern in Serbien oder Europa noch darauf warten, entdeckt zu werden. Mit Unternehmergeist könnten Innovationen made in Europe so wieder neuen Schwung erhalten.