Visite aus der Zukunft

Die Coronakrise hat die Vorteile digitaler Gesundheitsdienste überdeutlich gemacht. Ärzte und Patienten haben digital kommuniziert, Tracing-Apps haben gezeigt, was technisch machbar ist. Es könnte der letzte Schubs gewesen sein, um Digital Health zum Durchbruch zu verhelfen.

Oktober 2020
Autoren: Corinne Abele, Boris Alex, Niklas Becker, Werner Kemper, Eva-Maria Korfanty-Schiller, Frauke Schmitz-Bauerdick, Gerit Schulze, Heiko Steinacher und Anna Westenberger

Eine kranke Seniorin spricht per ­Videokonferenz-App mit ihrer Ärztin: Während der Lockdown-­Wochen haben sich solche digitalen Lösungen wie selbstverständlich im Gesundheitswesen etabliert. © Picture alliance/Westend61

Kein Smartphone – kein Eintritt. In Zeiten der Covid-19-Pandemie sind Smartphones in China unverzichtbar. Grund ist der digitale Gesundheitscode, der mit einem Farbsystem zeigt, ob der Smartphone-Besitzer sich beispielsweise in Quarantäne befindet, in einer Risikozone aufhält oder aus einem Infektionsgebiet kommt. Erzeugt wird der Code, indem verschiedene Daten zusammengeführt werden, unter anderem der jeweiligen Mobilfunkdienstanbieter. Allerdings akzeptieren die Behörden den Code nur in der Region, in der er ausgestellt wurde. Wer viel im Land unterwegs ist, sammelt dadurch zwangsläufig einen bunten Strauß aus QR-Code auf seinem Smartphone.

Der Gesundheitscode ist neben zeitweise strikten regionalen Ausgangsbeschränkungen ein Beispiel für den Umgang Chinas mit ­Covid-19. Während viele Branchen gerade in den ersten Monaten unter den strikten Regelungen litten, legte die Gesundheitswirtschaft kontinuierlich zu – vor allem digitale Gesundheitsdienste. Allein im Januar verzehnfachte sich die Zahl der neuen Nutzer der E-Health-Plattform „Good Doctor“ des Versicherers Ping An im Vergleich zum Vormonat.

Über solche Gesundheitsplattformen können Nutzer zum Beispiel Rezepte für bereits diagnostizierte Krankheiten empfangen und per Video mit ihrem Arzt sprechen. Bruce Aylward von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt laut einem Interview in der „New York Times“, dass etwa die Hälfte der Gesundheitsversorgung vom Arzttermin bis zur Rezeptausstellung in der Hochphase der Coronakrise online stattfand. China ist vergleichsweise weit vorn: Operationstermine lassen sich in einigen Krankenhäusern schon per Smartphone vereinbaren. Auch die Ergebnisse der Voruntersuchung zeigt die entsprechende App an. Nach der Operation können sich Ärzte über Wechat nach der Genesung des Patienten erkundigen – und natürlich die Behandlungskosten direkt in Rechnung stellen. Bezahlt wird mit wenigen Klicks.

Compugroup

Elektronische ­Rezepte – effiziente Apotheken

Compugroup, ein Koblenzer Anbieter von Medizinsoftware, hat in Italien bereits ein Drittel aller privaten Apotheken mit Software ausgestattet. Damit gelangen Rezepte auf elektronischem Weg von der Arztpraxis direkt in die Apotheke. Wenn die Apotheke anschließend das Medikament verschickt, bleibt dem Kunden der Gang ins Geschäft erspart. Ein potenzieller Ansteckungsort fällt weg. Auch für die Apotheken lohnt sich das Modell: Pro Woche erhalten sie oft mehr als 400 Rezepte und können sie weit effizienter bearbeiten als per Papier am Schalter.

Anfang 2020 hat Compugroup das italienische Softwareunternehmen H & S ­Qualità nel Software erworben – und so wichtige Kompetenzen im Telemonitoring gleich mit. Ein Monitoring-Tool, das ursprünglich für ältere Patienten entwickelt wurde, kommt nun versuchsweise auch bei Corona-Heimpatienten in Piacenza, Mailand und Südtirol zum Einsatz. Die Funktionsweise ist simpel: Puls- oder Blutdruckmessgeräte werden mit dem Smartphone vernetzt und übermitteln die Daten automatisch an den jeweiligen Arzt. Dieser kann über eine Plattform persönliche Monitoringpläne entwerfen, visualisierte Daten einsehen und erhält automatische Hinweise über den Gesundheitszustand seiner Patienten.

Compugroup hat in der akuten Coronazeit einen kostenlosen Zugang zu einer Plattform für Videosprechstunden bereitgestellt und so rund 4.000 Ärzte und vier Millionen Patienten vernetzt. „Social Distancing hat dem Einsatz digitaler Technologien einen Schub gegeben“, sagt Emanuele Mugnani, Country Manager Italien bei Compugroup. Außerdem biete es eine Gelegenheit, bürokratische Hürden abzubauen.

IT im Gesundheitswesen setzt sich durch

In vielen Ländern befand sich Telemedizin schon vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie im Aufwind. Sie soll helfen, steigende Kosten im Gesundheitssystem im Zaum zu ­halten und insbesondere ländliche Regionen mit unterdurchschnittlicher medizinischer ­Infrastruktur besser zu versorgen. In Russland schätzt das Unternehmen Online Doktor, dass bis zum Jahr 2022 ein Fünftel der Bevölkerung solche Dienste in Anspruch nehmen wird.
Bald könnten per Tele­medizin Diagnosen erfolgen und elektronische Rezepte ausgestellt werden – einen entsprechenden Gesetzentwurf gibt es schon.

Telemedizin ist allerdings nur ein Bereich der digitalen Gesundheit, wenn auch ein wichtiger. Zu Digital Health, also dem Einsatz von IT im Gesundheitswesen, zählen unter anderem Wearables wie Fitnesstracker, smarte Hörgeräte oder Herzschrittmacher, die den Gesundheitszustand ihrer Träger im Blick behalten. Pflegeroboter unterstützen bei der Patientenbetreuung. Auch die Prozesse im Gesundheitssystem optimiert Digital Health an vielen Stellen – von Onlinesprechstunden bis zum papierlosen Krankenhaus.

Die Prognosen für die Branche sind gut: Marktforscher von Vynz Research bewerten den globalen Digital-Health-Markt 2019 mit 111,4 Milliarden US-Dollar. Bis 2025 soll er voraussichtlich auf 510,4 Milliarden US-Dollar wachsen. Die 2020er-Jahre könnten die Dekade sein, in der digitale Technologien die Gesundheitssysteme neu formen, schätzt auch die WHO.

Corona-Apps verfolgen Infektionsketten

In der Coronakrise verfolgen verschiedene Länder Infektionsketten mithilfe digitaler Technologien. Polen beispielsweise überprüft seit Mitte März per App, ob Patienten sich an die häusliche Quarantäne halten. Mehrfach täglich fordert die App Aplikacja Kwarantanna domowa die Betroffenen in unregelmäßigen Abständen auf, ein Selfie von sich zu senden. Wer dieser Aufforderung nicht innerhalb von 20 Minuten nachkommt, bekommt eine Warnmeldung und dann Besuch von den Behörden.

Seit Juni gibt es zudem die App Protego Safe. Ähnlich wie in Deutschland informiert sie mittels Bluetooth, wenn sich Smartphone-Nutzer in der Nähe von Erkrankten aufgehalten ­haben oder Kontakt zu Erkrankten hatten. Im Pionierland Singapur gibt es ebenfalls so eine App: Sie heißt Trace Together und wurde in den ersten 14 Tagen schon mehr als eine ­Million Mal installiert – bei knapp sechs Millionen Einwohnern.