Vor dem ­Durchbruch?

Die Kohlenation Polen braucht in den kommenden Jahren immer mehr Strom – und muss sich deshalb nach Alternativen umsehen. Vor allem in den Markt für erneuerbare Energien kommt Bewegung.

Juni 2020
Autor: Niklas Becker

Polen investiert in den Ausbau der erneuerbaren Energien. Exporteure wie der dänische Rotorblätterhersteller LM Wind Power Blades können davon profitieren. © picture alliance/imageBROKER

Polen gilt als Kohlenation. Der Strommix des Landes wird zwar weiterhin vom Grubengold ­beherrscht, doch dessen Dominanz soll abnehmen. Bis zum Jahr 2030 soll der Kohleanteil von aktuell 77 Prozent auf ­56 Prozent zurückgehen. Von der Kohle abschwören wird die polnische Regierung allerdings nicht, auch wenn sie derzeit zunehmend in erneuerbare Energien (EE) investiert. Laut Prognosen werden die Polen bis zum Jahr 2040 wohl 37 Prozent mehr Strom verbrauchen als noch 2015 – sie sind also auf zusätzliche Energiekapazitäten angewiesen.

Einen Teil des zusätzlichen Bedarfs sollen Atomkraftwerke decken. Bis 2033 will die Regierung ihr erstes Kraftwerk in Betrieb nehmen, einen Standort gibt es aber noch nicht. Das Projekt wird in Polen sehr skeptisch beäugt.

Eine entscheidende Rolle bei der Bereitstellung der zusätzlich benötigten Energie sollen zudem erneuerbare Energien spielen. Im Jahr 2018 hatten sie nur einen Anteil von elf Prozent am gesamten polnischen Energieverbrauch. Das Ziel des europäischen Klima- und Energiepakets, im Jahr 2020 einen Anteil von 15 Prozent des Bruttoenergieverbrauchs zu erreichen, scheint in weiter Ferne.

Der Markt bewegt sich

In der jüngeren Vergangenheit kam jedoch eine Menge Bewegung in den polnischen EE-Markt. Die Regierung hat eine neue Energiestrategie formuliert. Ein Bestandteil sind die erneuerbaren Energien, deren Anteil bis zum Jahr 2030 auf 21 Prozent steigen soll. Sollte Polen im Rahmen des EU-Fonds „gerechter Übergang“ zusätzliche finanzielle Unterstützung bekommen, sollen es sogar 23 Prozent werden. Obwohl sich Polen bei der Verpflichtung, ab 2050 klimaneutral zu sein, bislang zurückhaltend zeigt, würde das Land dennoch Fördergelder in Höhe von einer Milliarde Euro aus dem Programm erhalten.

155.000

Mikrofotovoltaikanlagen gab es Ende 2019 in Polen.

8

Gigawatt Offshorekapazitäten sollen bis zum Jahr 2040 in Polen entstehen.

600

Millionen Euro wurden im Jahr 2019 in den polnischen PV-Markt investiert.

Ende März erklärte die polnische Regierung, dass es aufgrund der Auswirkungen des Coronavirus auf die Wirtschaft noch schwieriger sein würde, die Klimaziele der EU zu erreichen. „Die Firmen werden nicht genug Geld für Investitionen haben. Die Fertigstellung einiger wichtiger Energieprojekte könnte sich verzögern oder sogar ausgesetzt werden“, sagte Polens Klimaminister Michał Kurtyka gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Regierung will vor allem Fotovoltaik-(PV-)Anlagen und Offshorewindparks stärken. Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des PV-Sektors in Polen spielen Mikrosolaranlagen mit einer Leistung von weniger als 50 Kilowatt, wie sie bereits zahlreich auf Polens Hausdächern installiert sind. Wie Wirtschaftsministerin Jadwiga Emilewicz berichtet, wurden 2019 Solarhaushaltsanlagen mit einer Gesamtkapazität von 800 Megawatt gebaut – das ist mehr als in allen vorangegangenen Jahren zusammengerechnet.

Dies liegt sicherlich auch am Förderprogramm, das die Regierung 2019 aufgesetzt hat. Nach Aussage der Ministerin soll der Förderstatus demnächst sogar ausgeweitet werden, dann sollen noch mehr Privatpersonen Strom von ihren Dächern ins Energienetz einspeisen. Bislang hat Solarenergie im polnischen Energiemix keine Rolle gespielt. Das ändert sich allmählich: Ende 2019 beliefen sich die installierten und ans öffentliche Verteilernetz angeschlossenen EE-Kapazitäten in Polen auf insgesamt rund neun Gigawatt – ein Gigawatt davon entfiel auf Strom aus PV-Anlagen. Dazu kommt: Der PV-Sektor wächst schnell. Im Vergleich zu 2018 stieg die gesamte Kapazität der Erneuerbaren um mehr als 500 Megawatt, der Großteil der Zunahme ist dabei auf PV-Anlagen zurückzuführen. Besonders bemerkenswert ist zudem, dass die 800 Megawatt Leistung der Solarhaushaltsanlagen in diesen Zahlen nicht berücksichtig wird. Der Zuwachs fiel 2019 also noch größer aus.

Die Energiewende in Polen bietet vor allem ausländischen Zulieferern Chancen. Der Windkraftanlagenhersteller Vestas produziert im brandenburgischen Lauchhammer Rotorblätter für den polnischen Markt. © Paul Langrock/Zenit/laif

Wie das polnische Institut für Erneuerbare Energien berichtet, ist der PV-Sektor der sich am schnellsten entwickelnde EE-Bereich in Polen. Laut der Interessenvereinigung Solarpower Europe gehörte Polen 2019 zu den fünf EU-Ländern mit dem größten Anstieg der PV-Kapazitäten. Das Datenanalyseunternehmen Global Data prognostiziert zudem, dass sich die Kapazitäten bis zum Jahr 2022 verdreifachen dürften.

Windkraft gibt den Ton an

Wichtigster Lieferant von EE in Polen bleibt allerdings die Windkraft. Mehr als 60 Prozent der EE stammen aus polnischen Onshorewindparks. Die Windräder an Land kommen gemeinsam auf rund sechs Gigawatt Kapazität. Allerdings verlangsamt die Abstandsregel den Ausbau, die analog der Regelung in Bayern einen Mindestabstand der zehnfachen Turbinenhöhe zur Wohnbebauung vorsieht. Die polnische Regierung hat jedoch eine Liberalisierung angekündigt.

Ein Teil der polnischen Onshorekapazitäten verwaltet die Bremer Firma WPD Windmanager. Im Februar übernahmen sie für die Green Investment Group die kaufmännische und technische Betriebsführung des Windparks Zajaczkowo mit einer Gesamtleistung von 48 Megawatt. Es ist bereits das zweite Projekt in Polen, das WDP Windmanager für den international tätigen Investor übernimmt. „Wir sind auf Wachstumskurs“, sagt Vertriebschef Till Schorer. „In den vergangenen beiden Jahren haben wir unser Portfolio in Polen um rund 126 Megawatt ausgebaut und erwarten weitere 100 Megawatt im Laufe des Jahres.“

Polnische Ostsee wird zum Treiber

Schon bald sollen sich auch vor Polens Küste die Windräder aneinanderreihen. Die ersten Windkraftanlagen sollen ab 2025 Strom ins Netz einspeisen. Allerdings gibt es noch immer kein Fördersystem. Bis zum Jahr 2040 sollen fast acht Gigawatt Offshorekapazitäten installiert werden und Offshoreanlagen damit zum wichtigsten Lieferanten von EE aufsteigen. Die Interessenvereinigung Wind Europe sieht in der polnischen Ostsee Potenzial für 28 Gigawatt Offshorekapazitäten.

Auch deutsche Unternehmen sind bereits im polnischen Offshoregeschäft unterwegs. RWE Renewables erwarb im Herbst 2019 eine Projektpipeline von bis zu vier Offshorewindprojekten in Polen. Die Projekte haben eine Gesamtkapazität von mehr als 1,5 Gigawatt. „RWE sieht großes Potenzial in der zentralpolnischen Ostsee“, sagt RWE-Renewables-CEO Anja-Isabel Dotzenrath. „Unsere Strategie sieht vor, diese Projekte weiterzuentwickeln, zu betreiben und so das Wachstum der Offshorewindenergie in Polen voranzutreiben.“

Langfristige Verträge zum Kauf von EE

Einige EE-Projekte im Land werden bereits ohne staatliche Förderung durchgeführt. Stattdessen werden erste sogenannte Corporate Power Purchase Agreements (CPPA) geschlossen. Dabei handelt es sich um langfristige Verträge zum Kauf von erneuerbaren Energien, die Stromerzeuger und Unternehmen direkt miteinander vereinbaren.