Entscheidendes Element

Wasserstoff ist das Element der Zukunft und soll Wind- sowie Sonnenstrom speichern. Die Strategien für die Transformation sind von Land zu Land anders. Wir stellen sie vor. Diesmal: Chile.

Februar 2022
Autor: Carl Moses

So soll sie einmal aussehen: die Industrieanlage in Punta Arenas, in der Porsche und Siemens Energy nahezu CO₂-neutralen Kraftstoff herstellen wollen. © Porsche AG/Siemens

Es wirkte wie ein Startschuss, als Chile im November 2020 als erstes Land Lateinamerikas seine nationale Wasserstoffstrategie vorlegte. Brasilien zog sogleich nach. „Das Land setzt auf grünen Stahl und Methanol aus Wasserstoff und Biomasse“, sagt Thomas Schulthess, Chef des Projektentwicklers Sowitec in Brasilien. Auch Argentinien hat enormes Potenzial. Das Unternehmen Hychico arbeitet seit 20 Jahren an Wasserstoffprojekten und betreibt bereits seit 2008 eine Pilotanlage in Patagonien. Uruguay will grünen Wasserstoff zur Dekarbonisierung seines Verkehrs nutzen, plant aber vor allem den Export, vorzugsweise nach Europa. Kolumbien stellte im August 2021 eine Roadmap für die Wasserstoffwirtschaft vor. Ähnliche Initiativen laufen in Bolivien, Costa Rica, El Salvador, Panama, Paraguay, Trinidad und Tobago sowie in Uruguay.

Chile könnte im Jahr 2050 theoretisch das Drei- bis Vierfache des geschätzten Importbedarfs an grünem Wasserstoff in Deutschland decken – und das sind laut Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion bis 2050 rund 45 Millionen Tonnen pro Jahr.

Viel Energie für den Export übrig

Seit 2008 bereitet die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) den Boden für die Entwicklung erneuerbarer Energien in Chile und für die Kooperation mit Deutschland. Seit 2014 fördert sie gezielt das Thema grüner Wasserstoff. Chile verfügt laut Angaben der GIZ über ein Potenzial von mehr als 1.865 Gigawatt Kapazität zur Erzeugung von erneuerbarer Energie. Nirgendwo strahlt die Sonne stärker als in der Atacamawüste, der Wind bläst kaum irgendwo anders so stark und kontinuierlich wie in Patagonien. Mit diesen Ressourcen könnte Chile das 70-Fache seines derzeitigen Eigenbedarfs decken. Da bleibt viel übrig für den Export.

In ihrer 2020 vorgelegten Wasserstoffstrategie plant die Regierung zunächst den Einsatz von grünem Wasserstoff in der heimischen Industrie und im Bergbau. Priorität hat die Erzeugung von grünem Ammoniak sowie die Substitution von sogenanntem grauen, mit fossiler Energie erzeugten Wasserstoff in der Mineralölindustrie und der Stahlproduktion. Großes Potenzial sieht Chile darin, grünen Wasserstoff im Fernverkehr von Bussen und Lkw zu nutzen oder um schwere Bergbaufahrzeuge in den Kupferminen anzutreiben. Erst gegen Ende der Dekade soll der massive Export von grünem Wasserstoff und Ammoniak in den Vordergrund rücken.

Der chilenische Verband der Wasserstoffwirtschaft H2 Chile zählt bereits 60 Projekte, etliche davon im Gigawattbereich: das HIF-Projekt zur Produktion synthetischer, klimaneutraler Brennstoffe etwa oder die Vorhaben Hy Ex (Engie, Enaex), HNH (Austrian Energy) und HOASIS (TCI Gecomp) zur Produktion von grünem Ammoniak. Im September startete ein Pilotprojekt für synthetischen, klimaneutralen Kraftstoff in der Magallanes-Region, an dem auch Siemens und Porsche beteiligt sind.

Viele deutsche Technologieanbieter und Projektentwickler seien in Chile in Sachen grüner Wasserstoff aktiv, beobachtet Rainer Schröer, Leiter des GIZ-Programms für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz in Chile. Allerdings gebe es „nur sehr wenige deutsche Investoren und noch weniger potenzielle Abnehmer für grüne H2-Produkte“, sagt er. Solche Abnehmer aber braucht es, damit Wasserstoffprojekte vorankommen. Deutsche Unternehmen sollten den Markt genau im Auge behalten, um den Zeitpunkt zum Einsteigen nicht zu verpassen. Denn: „Auf der anderen Seite“, sagt Schöer, „beobachten wir ein starkes Interesse von Investoren und potenziellen Abnehmern aus anderen europäischen Ländern und den USA.“ M