Entscheidendes Element

Wasserstoff soll Wind- und Sonnenstrom speichern, könnte Verbrennungsmotoren und Schwerindustrie klimaneutral machen. Die Strategien für die Transformation unterscheiden sich je nach Weltregion deutlich. Wir stellen sie vor. Diesmal: Kroatien.

Dezember 2022
Autor: Waldemar Lichter

Wasserstoff statt Diesel: Geht es nach den Vorstellungen der kroatischen Regierung, reisen Touristen künftig auf klimaneutralen Fähren von Split nach Vis. © picture alliance/PIXSELL

Wasserstoffbetriebene Züge verkehren zwischen Zagreb und Dalmatien. Die Adriafähre von Split nach Vis tankt Wasserstoff statt Diesel. Die Bürger heizen ihre Wohnungen mit einer Gas-Wasserstoff-Mischung. Alle diese Szenarien sollen in wenigen Jahren Realität sein – wenn es nach den Vorstellungen der kroatischen Regierung geht. Das jüngste EU-Mitgliedsland will nämlich möglichst schnell zum Frontrunner in Sachen Wasserstoff aufsteigen. Die Technologien dafür sollen im Land selbst oder zusammen mit ausländischen Partnern entstehen.

Wasserstoffstrategie beschlossen

Die Grundlage für diese ehrgeizigen Pläne bildet die im März 2022 verabschiedete Wasserstoffstrategie. Sie soll dazu beitragen, die Klimaneutralität der kroatischen Wirtschaft und Gesellschaft bis 2050 zu erreichen. Gleichzeitig soll eine leistungsfähige Wasserstoffwirtschaft entstehen, die international wettbewerbsfähig ist und den kroatischen Anlagen- und Maschinenbau auf ein höheres Level hievt.

Die verabschiedete Strategie ist bisher nur ein Orientierungsrahmen. Um die notwendigen milliardenschweren Investitionen zu stemmen, werden Initiativen der Wirtschaft und Kooperationen mit ausländischen Partnern vonnöten sein. Schätzungen gehen davon aus, dass allein die Klimaneutralität Investitionen von 3,1 Milliarden Euro erfordert. Soll parallel eine wasserstoffbasierte Wirtschaft entstehen, steigt die Summe auf rund 9,3 Milliarden Euro.

Eine schnelle Umsetzung der Strategie versprechen sich Experten im Verkehrs- und Transportbereich: So arbeiten die Betreiber bereits am Aufbau eines Tankstellennetzes und Städte prüfen den Einsatz von Wasserstoff im öffentlichen Personennahverkehr. Ein großer Schritt wäre die Nutzung im Bahnsektor, insbesondere auf den noch nicht elektrifizierten Strecken. Laut Ivica Jakić, Vorsitzendem des Wasserstoffverbandes H2-Hydrogen Cell und einer der Autoren der Wasserstoffstrategie, bietet sich etwa die rund 400 Kilometer lange Verbindung zwischen Zagreb und Split dafür an. Zudem prüfen Experten die Möglichkeit, eine Produktion von Wasserstoff-Batterie-Loks aufzunehmen – zum Beispiel beim Elektrotechnikkonzern Končar oder beim Maschinen- und Schienenfahrzeugbauer Đuro Đaković.

Schifffahrt birgt enormes Einsatzpotenzial

Entsprechende Überlegungen stellen Fährbetreiber wie etwa Jadrolinija bereits mit der Fachhilfe des H2-Verbands an. Und auch in den Werften ist angekommen, dass mit Wasserstoff langfristig Geschäfte zu machen sind: So ist die deutsche Lürssen Yachts, ein Hersteller von Megajachten und Spezialschiffen, in Rijeka aktiv: Maritime Center of Excellence (MCOE), die Engineering-Tochtergesellschaft von Lürssen, arbeitet daran, Wasserstoff in der Adriaschifffahrt einzusetzen. „Die Nutzung von Wasserstoff im Seeverkehr ist ein langfristiges Ziel und erfordert Kooperationen und Aktivitäten auf allen Segmenten der Wasserstoffversorgungskette, damit das System funktioniert“, so ­Sergej ­Pintar, Produktentwicklungsmanager bei MCOE.

Wasserstoff soll künftig auch den CO₂-Fußabdruck einiger Industriezweige senken, vor allem in der Erdöl verarbeitenden sowie in der Baustoff- und Zementindustrie. Die Raffinerie Rijeka der INA Group und das Zementwerk Cemex arbeiten bereits an Projekten, um Erdgas durch grünen Wasserstoff zu ersetzen.

Der Erfolg der Wasserstoffstrategie hängt davon ab, wie schnell es gelingt, die grüne Stromproduktion anzuheben und große Kapazitäten aufzubauen. „Am Ende ist alles eine Frage des politischen Willens und der guten Rahmenbedingungen“, so Branchenkenner.