Entscheidendes Element

Wasserstoff kann Wind- und Sonnenstrom speichern – und somit Verbrennungsmotoren und Schwerindustrie klimaneutral machen. Die Strategien für die Transformation unterscheiden sich von Land zu Land deutlich. Diesmal stellen wir vor: Portugal.

September 2022
Autor: Oliver Idem, Madrid

Der Tiefseehafen von Sines ist der bedeutendste portugiesische Hafen für Öl und Gas. Eine aktuelle Untersuchung der Weltbank stuft ihn auf Platz drei der effizientesten Häfen in Europa ein. © sergojpg/Adobe Stock

Portugal legt in Sachen Wasserstoff einen Kavalierstart hin: Ohne Übergangstechnologien setzt die Regierung darauf, grünen Wasserstoff für den Inlandsbedarf und für den Export zu produzieren. Dabei will das Land nicht nur die Klimaziele der Europäischen Union erreichen. Mit seiner eigenen Wasserstoffstrategie strebt es eine führende Rolle an und treibt Projekte in der Industrie, im Verkehrssektor und bei Wärmeanwendungen voran. Das Rahmengesetz Nummer 98/2021 bildet dabei die Klammer für alle Aktivitäten zur Dekarbonisierung.

Ideale Voraussetzungen gegeben

Die Chancen, die Ziele zu erreichen, stehen gut. Zur Produktion von grünem Wasserstoff verfügt Portugal über einige wichtige Ressourcen: Auf dem Festland stammten im ersten Quartal 2022 59 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Für 2021 errechnete die Internationale Agentur für erneuerbare Energien (International Renewable Energy Agency) eine Gesamtkapazität von 15,1 Gigawatt. Der Energie- und Klimaplan Plano Nacional Energia e Clima (PNEC) 2030 forciert den Ausbau von Wasserkraft, Windkraft an Land und von großen Fotovoltaikanlagen.

Hinzu kommt, dass das noch junge 19.000 Kilometer lange Erdgasnetz zu etwa 97 Prozent aus Polyethylenrohren besteht und somit besonders gut zum Transport von Wasserstoff geeignet ist. Und mit dem Tiefwasserhafen Sines verfügt das Land zudem über einen idealen Exportweg. Die Hafenstadt ist auch deshalb interessant, weil in der Umgebung zahlreiche Industriebetriebe angesiedelt sind, die als Nutzer von grünem Wasserstoff infrage kommen.

Um die staatlichen Pläne umzusetzen, will Portugal bis 2030 etwa sieben Milliarden Euro an Investitionen mobilisieren. Dabei setzt die Regierung auch auf Fördergeld aus dem europäischen Aufbau- und Resilienzplan: 185 Millionen Euro stehen hieraus für die Produktion von Wasserstoff und anderen erneuerbaren Gasen zur Verfügung. Und ein Teil des 715 Millionen Euro großen Fördertopfes, der der Dekarbonisierung der Industrie vorbehalten ist, wird dem Wasserstoffsektor zugutekommen.

Ziele reichen weit über die eigenen Grenzen hinaus

Portugal kündigte im Aufbau- und Resilienzplan die Zusammenarbeit mit dem Nachbarland Spanien an. In Deutschland steigt das Interesse an dem Land an der Algarve ebenfalls. Dem Fachverband Associação Portuguesa para a Promoção do Hidrogénio, kurz AP2H2 genannt, traten bereits Linde, Siemens und Siemens Energy bei. Und die Exportinitiative Energie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz sowie die AHK Portugal ebneten den Weg für ein deutsches Konsortium: Unter dem Namen Hypotência haben vier Technologieanbieter ein Konzept zur Produktion, Verteilung und Speicherung entwickelt.

Den jüngsten Impuls erhielt die portugiesische Wasserstoffwirtschaft im Frühjahr 2022: Das Konsortium Madoqua Ventures kündigte ein Milliardenprojekt in Sines und Porto de Aveiro an, bei dem Partner aus Portugal, Dänemark und den Niederlanden etwa 1,3 Milliarden Euro investieren. Die Anlage soll nicht nur 180.000 Tonnen Biokraftstoffe pro Jahr produzieren, sondern jährlich auch 70.000 Tonnen Wasserstoff. Synthetische Kraftstoffe sollen künftig das Produktportfolio ergänzen.

Wenn es um grünen Wasserstoff geht, ist Portugal auf einem guten Weg. Nach Meinung des nationalen Fachverbands für erneuerbare Energien, Associação Portuguesa de Energias Renováveis, sind nun nur noch zwei Hürden für den schnellen Ausbau der Erneuerbaren zu beseitigen: die schleppende Lizenzierung und die begrenzte Netzverfügbarkeit.