Wasserstoff in Ungarn – Gas im Tank

Ungarn hat im Mai 2021 eine nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet. Das Land will damit nicht nur den eigenen Bedarf decken, sondern auch zum Exporteur des grünen Energieträgers ins übrige Europa werden. Dafür sind deutsche Investitionen gefragt.

Dezember 2021
Autor: Waldemar Lichter

Geht es nach der ungarischen Regierung, dürften Wasserstofftankstellen bald überall im Land verfügbar sein. © picture alliance/Jochen Eckel/Jochen Eckel dpa/picture alliance

Eine Wasserstofftankstelle hat Ungarn schon. Seit Mai 2021 können am Standort der Linde Gáz Magyarország Zrt. in Budapest, der ungarischen Tochter des deutschen Industriekonzerns, erstmals Fahrzeuge den Kraftstoff der Zukunft tanken. Später soll das für schwere Lkw und Busse oder sogar Schienenfahrzeuge möglich werden.

Das Investment ist zunächst eine Wette auf die Zukunft. Das Projekt soll zeigen, dass Wasserstoff gut und sicher im Verkehrssektor eingesetzt und genutzt werden kann. Die Anlage ist daher mehr Demonstrationsprojekt als kommerzielles Vorhaben. In einigen Jahren könnte daraus deutlich mehr werden: Wenn es nach der ungarischen Regierung geht, soll es bis zum Jahr 2030 landesweit etwa 40 Wasserstofftankstellen geben. Sie könnten dann eine Flotte von 4.800 Fahrzeugen versorgen.

Ausländer sind am Markt interessiert

Nicht nur Linde sieht vielversprechende Geschäftsperspektiven in Ungarns Wasserstoffwirtschaft. Auch heimische Energiekonzerne wie der Mineralölverarbeiter Mol und der Stromversorger MVM suchen einen Weg zur schnellen und kostengünstigen Dekarbonisierung. Auch mehr und mehr ausländische Anlagen- und Technologieanbieter dürften den Markt für sich entdecken, denn in den kommenden Jahren will die Regierung den Aufbau der Wasserstoffindustrie forcieren. Grundlage dafür ist die nationale Wasserstoffstrategie, welche die Regierung im Mai 2021 verabschiedet hat. Die darin vorgesehenen Maßnahmen sollen einen wichtigen Beitrag zur Klimaneutralität bis 2050 leisten. Die geschätzte Investitionssumme: bis zu 380 Millionen Euro.

Abgesehen von den Klimazielen im eigenen Land will Ungarn auch zu einem wichtigen Player auf dem europäischen Wasserstoffmarkt werden. Dafür will das Land Bedingungen schaffen, um Wasserstoff kostengünstig und effizient in andere EU-Länder exportieren zu können und die ungarische Industrie an die europäische Leitungsinfrastruktur für Wasserstoff anzukoppeln.

Linde investiert weiter in Ungarn

Für deutsche Unternehmen werden die ungarischen Wasserstoffpläne einige Chancen bieten. Linde will mit seinem Know-how entlang der kompletten Wertschöpfungskette punkten. Mit dem Stromversorger MVM hat das Unternehmen im Mai 2021 eine strategische Vereinbarung über die gemeinsame Entwicklung von Wasserstoffprojekten unterzeichnet. Linde beabsichtigt außerdem, demnächst in Forschung und Entwicklung, Prozesstechnologie (einschließlich für Wasserstoff) zu investieren und erwägt, später weitere Produktionskapazitäten in Ungarn anzusiedeln. Die Regierung in Budapest will aber auch die eigene Industrie dazu befähigen, Ausrüstungen und Komponenten für die Wasserstoffwirtschaft zu produzieren.

»Wir haben Investitionsbedarf.«

Attila Steiner ist Staatssekretär im ungarischen Ministerium für Innovation und Technologie.

Herr Steiner, seit Mai gibt es eine Wasserstoffstrategie. Warum ist das wichtig?

Wir brauchen einen globalen Denkansatz und müssen uns sowohl von Produktions- als auch von Nachfrageseite nähern. Zudem braucht es klare Vorgaben für die Infrastruktur für Transport und Speicherung von Wasserstoff.

Könnte Ungarn künftig eine Rolle auf dem europäischen Markt spielen?

Die Wasserstoffstrategie kann der ungarischen Wasserstoffwirtschaft einen Aufschwung geben. Wir wollen den heimischen Bedarf mit Wasserstoff selbst decken. Und: Ungarische Unternehmen sollen in bestimmten Marktlücken auf dem europäischen Markt eine entscheidende Rolle spielen können.

Gibt es Bedarf an deutschen Investitionen?

Deutsche Unternehmen haben in einigen Bereichen mehr Erfahrung, Wissen und Kapital als ungarische Industrieunternehmen. Daher würde der Technologietransfer der ungarischen Wirtschaft ermöglichen, den Übergang zur Wasserstofftechnologie zu beschleunigen. Es ist weiterhin wichtig, dass sich kleine und mittelständische Lieferanten in die Wertschöpfungskette ausländischer Unternehmen integrieren.

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