Westafrika: Kraftwerke gesucht

In vielen Ländern Westafrikas öffnen sich Regierungen privaten Kraftwerksinvestoren, den sogenannten Independent Power Producers. Sie sollen durch neue Kraftwerke die Stromversorgung der Region verbessern. Auch beim Ausbau der Energienetze ist die Privatwirtschaft gefragt.

Oktober 2017
Autor: Carsten Ehlers

NIGERIA: Wer einen Spaziergang durch den recht grünen Nobelstadtteil Ikoyi in Lagos unternimmt, dem fällt recht bald eines auf: Etwa alle hundert Meter pustet ein oberschenkeldickes Rohr den Passanten über die hohen Grundstücksmauern hinweg Abgase in die Haare. Die Rohre stammen von Dieselgeneratoren, welche die Häuser hier mit Strom versorgen. An Flanieren ist nicht zu denken.

Stromknappheit gibt es in vielen westafrikanischen Ländern, aber Nigeria hat bereits die nächste Stufe erreicht: Der Generator ist hier der Normalfall, und Strom aus dem Netz gibt es nur selten. Der Grund: Gerade einmal 4.000 Megawatt Stromerzeugungskapazitäten für fast 190 Millionen Einwohner reichen eben bei Weitem nicht. Wer in Nigeria investiert, muss sich um seine eigene Stromversorgung kümmern.

Überall in der Region und in den benachbarten Ländern wie etwa in Kap Verde (Foto) bauen Staaten ihre Stromnetze aus. Meist setzen sie dabei jedoch auf Wärmekraft aus Öl und Gasturbinen. Aber auch die Windkraft wird ausgebaut.

© Standl/laif

Politisch ist längst beschlossen, dass private Unternehmen die Energieversorgung ans Laufen bringen sollen. Im Jahr 2012 hat die Regierung eine umfassende Liberalisierung und Privatisierung des Stromsektors auf den Weg gebracht. Mit der Umsetzung hapert es, gerade beim Strom gibt es viele politische Interessen. „Es ist, als müsse man einen Sumpf trockenlegen“, sagt ein Branchenkenner.

Energie für wachsende Märkte

Doch es geht voran. Beobachter warten gespannt auf die erste große private Kraftwerksinvestition in Nigeria mit signifikanter deutscher Beteiligung. Im Jahr 2018 soll das Gaskraftwerk Azura-Edo IPP mit 450 Megawatt ans Netz gehen. Die Baufirma ist Julius Berger, Siemens liefert die Turbinen und sorgt für die Instandhaltung. Azura-Edo zeigt, wo die Beteiligungschancen im Energiesektor liegen: Bau, Zulieferung von Technologie, Instandhaltung und Beratung. Betrieb und Finanzierung kommen Experten zufolge ebenfalls infrage.

Stabile Staaten in Westafrika können Energieinvestoren anziehen und mit dem Stromexport Geld verdienen.

Auch in Ländern wie Côte d’Ivoire, Ghana und Senegal hat man sich privaten Kraftwerks­investoren geöffnet, den sogenannten Independent Power Producers (IPP). Ghana zum Beispiel baut seine Stromproduktion von derzeit 3.600 auf 4.800 Megawatt im Jahr 2020 aus.

Die größeren Projekte wie Cenpower (360 Megawatt), Aksa (370 Megawatt) und Bridge Power (400 Megawatt) sind allesamt privat. Oder in Côte d’Ivoire: Dort baut ein privater Investor das Songon-Gaskraftwerk.

Die IPP Compagnie Ivorienne de Production d’Éléctricité (Ciprel) wird derzeit ausgebaut. In Senegal begann erst kürzlich die IPP Contour Global mit der Stromproduktion im neuen Schwerölkraftwerk Cap des Biches mit 53 Megawatt.

Nigeria in Zahlen

400

Milliarden US-Dollar beträgt das Bruttoinlandsprodukt
Nigerias. Damit ist das Land die größte Volkswirtschaft Afrikas.

190

Millionen Einwohner – Nigeria hat die größte Bevölkerung Afrikas. Jährlich kommen 4,5 Millionen Menschen dazu.

200

Einwohner je Quadratmeter – Nigeria verfügt innerhalb Afrikas auch über die höchste Bevölkerungsdichte.

86

Millionen Internetnutzer – Nigeria ist einer der
größten Internetmärkte weltweit.

Fast alle IPPs setzen auf fossile Brennstoffe. Nur auf den windigen Kapverden haben Investoren bisher in größerem Umfang Windparks installiert, die derzeit etwa 20 Prozent des Stroms auf den Inseln liefern. Von einer Energiewende hin zu den Erneuerbaren ist in Westafrika also nichts zu spüren. Der seit 2015 extrem niedrige Ölpreis macht Wärmekraft umso populärer.

Nicht nur neue Kraftwerke entstehen, auch die Qualität der Netze verbessert sich. Im Rahmen der Initiative West African Power Pools der Economic Community of West African States werden derzeit grenzüberschreitende Übertragungsleitungen gebaut – sie verbinden die nationalen Strommärkte immer enger miteinander. Ein Beispiel: die wichtige Verbindung von Ghana über Togo und Benin bis hin nach Nigeria.

Edmund Acheampong, Leiter von Siemens in Ghana, glaubt, dass sich innerhalb der Region Stromversorgungshubs herausbilden werden. „Von Côte d’Ivoire aus könnten die weiter westlich gelegenen Länder wie Liberia oder Sierra Leone bedient werden, und aus Ghana könnte vor allem Strom nach Nigeria fließen.“ Insbesondere politisch stabile Staaten könnten dann Energieinvestoren anziehen und mit dem Stromexport Geld verdienen.