»Wir müssen aus der Nische raus«

Interview mit Tom Kaden, Mitinhaber des Architekturbüros Kaden + Lager. Die Planer aus Berlin haben sich zur Aufgabe gemacht, den Holzbau wieder dorthin zu bringen wo er hingehört, in die Stadt.

Februar 2021
Interview: Edda vom Dorp

Tom Kaden ist Mitinhaber des Architekturbüros Kaden + Lager. Die Planer aus Berlin haben sich zur Aufgabe gemacht, den Holzbau wieder dorthin zu bringen wo er hingehört, in die Stadt.

Herr Kaden, wie sind Sie zu dem Baustoff Holz gekommen?

Ich habe vor 25 Jahren sehr kleinteilig begonnen. Damals ging es darum, kleine flexible Einheiten zu entwickeln – Einfamilienhäuser, Gewerbebauten, die wenig kosten sollten.

Warum gerade Holz?

Holz ist einer der wenigen Baustoffe, dem wir beim Wachsen zuschauen können, er speichert zudem CO2. Darüber hinaus ist Holz als Baustoff sehr flexibel. Durch den hohen Vorfertigungsgrad von Bauelementen aus Holz lassen sich sehr kurze Bauzeiten realisieren. Durch die Vorfertigung können wir auch ganz andere Qualitäten erreichen. Wenn Sie zum Beispiel ein Fenster in einer Halle bei konstanten Temperaturen in einen Holzrahmen montieren, erreichen Sie eine höhere Qualität, als wenn Sie dies auf der Baustelle bei Wind und Wetter machen müssen. Zudem hat Holz sehr gute bauphysikalische Werte. Holz ist ein guter Dämmstoff, es wirkt auf die Innenräume klimaregulierend. Und: Wandquerschnitte aus Holz sind wesentlich schlanker als konventionelle Wandaufbauten. Sie gewinnen mehr Innenfläche.

Im internationalen Holzbau scheint derzeit das „immer höher und größer“ die Maxime zu sein. Warum ist das so? Hat – überspitzt gesagt – Fridays for Future etwas damit zu tun oder eher die technologischen Entwicklungen der letzten Jahre?

Sowohl als auch. Der Holzbau hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren extrem entwickelt. Neue Baustoffe, neue Verbundwerkstoffe, neue Verbindungsmittel: Handwerker und Architekten haben heute viele neue Möglichkeiten. Was das Thema Holzhochbau betrifft, bin ich eher zurückhaltend bzw. skeptisch. Das Mehr an Höhe ist natürlich möglich und in Teilen auch sinnvoll. Allerdings ist meine Überzeugung, dass die eigentliche Werthaltigkeit des Holzbaus mehr in der Breite liegt, das betrifft sowohl die Qualität als auch die Quantität. Das Hauptbetätigungsfeld des Holzbaus sehe ich mehr in der fünf bis zehn Geschossigkeit. Natürlich werden wir auch 25 Geschosse oder auch mehr schaffen, das kann der Holzbau leisten. Aber hier stellt sich die Frage nach dem Sinn des Hochbaus, die allerdings kein holzspezifisches Thema ist. Da steht auch die Frage nach der sozialen Komponente im Raum. Der Wohnungsnot werden wir langfristig nicht mit Hochhäusern begegnen können.

Wohin geht die Reise mit dem Werkstoff Holz?

Der Holzbau ist noch eine Nische, aus der müssen wir raus. Derzeit liegt der Marktanteil beim mehrgeschossigen Holzbau in Deutschland nur bei 5 bis 7 Prozent.

Sehen Sie das nur für Deutschland so oder auch europaweit?

Ich sehe das durchaus auch europaweit so. Es gibt ganz tolle Entwicklungen in Japan, in Nordamerika, in Frankreich und in England. Dort ist bereits viel in die Höhe gebaut worden. Oder denken Sie an das vor zwei Jahren fertiggestellte Holzhochhaus HOHO mit seinen 24 Geschossen in Wien. Diese Projekte zeigen was im mehrgeschossigen Holzbau möglich ist. Der Werkstoff ist auf jeden Fall modern geworden. Letzten Endes ist der Hochhausbau wie die Formel 1. Wir probieren neue technologische Entwicklungen aus und müssen diese dann allgemeingültig in den Gewerbe- und Wohnungsbau übersetzen.

Wohin könnte sich der mehrgeschossige Holzbau noch entwickeln?

Dazu muss man sich die Frage stellen, ob wir genug Holz produzieren können, um den Bedarf zu decken – Stichwort „Raubbau am Wald?“. Aktuell würde rund ein Drittel der deutschen Jahresholzernte aus der nachhaltigen Forstwirtschaft ausreichen, um den gesamten deutschen Neubaubedarf zu decken. Die andere Frage ist, ob die ausführende und die planerische Seite in der Lage sind, größere Stückzahlen zu realisieren? Hier hat sich in den letzten Jahren schon viel getan. Es sind immer mehr leistungsfähige Mittelständler im Holzbau unterwegs. Wir können schon heute sehr viel mehr Projekte realisieren als die genannten 7 Prozent. Ich würde mich freuen, wenn wir in zehn Jahren im Holzhochbau insgesamt auf einen Marktanteil von 15 bis 20 Prozent kämen. Das wäre auch im Hinblick auf das Thema Nachhaltigkeit eine gute Entwicklung; angesichts der Emissionen des Baugewerbes sogar fast schon eine Notwendigkeit. Allerdings stehen wir da noch ganz am Anfang. Doch die Sensibilität in der Gesellschaft gegenüber dem Thema steigt.

Merken Sie das in Ihrer täglichen Arbeit?

Ja, wir sehen das an den Anfragen von Bauherren, die vor fünf, sechs oder sieben Jahren noch nicht wussten, dass man mit dem Werkstoff Holz auch ganz wunderbar bauen kann. In den Anfangszeiten unseres Büros lag unsere Klientel eher im privaten Bereich. Damals sind vorwiegend Baugruppen an uns herangetreten, das war auch der Beginn unseres mehrgeschossigen Holzbaus. Große Investoren beschäftigten sich noch nicht mit diesem Thema. Das hat sich verändert. Wir erhalten mittlerweile auch von ihnen sehr viele Anfragen und sind optimistisch, dass auch die klassischen Investoren den Holzbau entdeckt haben.

Heute stellen sich auch immer mehr Bauherren die Frage, wie will ich wohnen, mit welchen Baustoffen will ich mich umgeben, wo kommen sie her, was haben sie für eine Klimarelevanz? Und wenn es ums große Ganze, um die Frage nach den Lebenszykluskosten geht, dann ist der Holzbau de facto sogar unschlagbar. Hier stehen nämlich Fragen wie „Wo kommt der Baustoff her?“, „Wie lange sind Planungs-, Fertigungs- und Entwicklungszeiten?“, „Wie lange ist das Gebäude nutzbar?“, „Ist es flexibel über die Lebenszeit zu nutzen?“ und „Was kostet der Rückbau?“ im Fokus.

Worin liegen neben der Nachhaltigkeit die weiteren Vorteile von Holz?

Der Holzbau kann alles. Wir hatten bisher keine Bauaufgabe, die wir nicht mit Holz hätten lösen können. Und wenn wir über die Verdichtung von Städten reden und Dachgeschossaufstockungen auf Gründerzeit- oder Plattenbauten, da kann Holz sehr viel leisten, weil es ein sehr leichter Baustoff ist. Hinzu kommt, dass der hohe Vorfertigungsgrad bei Baustellen in den Innenstädten sehr praktisch ist, weil dort keine großflächigen Baustellen eingerichtet werden können.

Hat der Baustoff Holz auch Nachteile?

Eigentlich nicht. Wir versuchen allerdings die Vorteile aller Baustoffe zu nutzen. Daher spielt das hybride Bauen bei uns im Mehrgeschossbau eine große Rolle. Trotzdem liegt der Holzanteil in unseren Gebäuden bei 80 bis 95 Prozent. Worauf man natürlich aufpassen muss, ist das Thema Feuchtigkeit. Wie schütze ich die Baustelle, wie das Gewerk und wie das Haus in seinem Lebenszyklus? Aber selbst dazu gibt es heute genügend Lösungsmöglichkeiten. Ein anderer Nachteil des Holzbaus ist, wenn man es so bezeichnen will, die geringe Zahl von Anbietern, hier gibt es noch Entwicklungspotenzial nach oben. Es gibt ein viel größere Zahl von stahlbetonausführenden Unternehmen als Holzbaufirmen.

Herr Kaden, vielen Dank für das Interview.

Mehr zum Fokus »Baufortschritt«

Baufortschritt

Holz: Hoch hinaus

Bambus: Grüner Stahl

Reisstroh: Starke Halme

„Im Prinzip ist alles da“: Interview mit Christine Lemaitre von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen

Wollen Sie mehr wissen? Informationen zur Bauzertifikaten und Planernetzwerken