Hoher Einsatz

Unternehmen in Mexiko haben es derzeit nicht leicht. Das Wirtschaftswachstum schwächelt, der Präsident trifft umstrittene Entscheidungen, viele Investoren sind verunsichert. Wie es für den Markt weitergeht – und wo es noch gut läuft.

September 2022
Autor: Edwin Schuh

Linienmaschine über Mexiko-Stadt: Die US-Luftfahrtbehörde FAA rügt die mangelnden Sicherheitsstandards in dem Land – aus Expertensicht eine Folge überstürzter Entscheidungen der Regierung. © picture alliance/Bildagentur-online/Schöning

Die Passagiere im Airbus 320, der vom internationalen Flughafen Mexiko-Stadt gerade in Richtung Guatemala abheben wollte, schrammten haarscharf an einer Katastrophe vorbei. Ein Flieger näherte sich aus der Luft – um genau dort zu landen, wo die Maschine der mexikanischen Fluggesellschaft Volaris gerade starten wollte. Der Pilot hatte vom Kontrollturm eine Landeerlaubnis erhalten, und konnte seine Maschine dann gerade noch – wenige Meter über dem Boden – wieder nach oben ziehen.

Als Konsequenz dieses Vorfalls im Mai 2022 musste der Direktor der mexikanischen Luftaufsichtsbehörde Seneam seinen Posten aufgeben. Der Beinahecrash war nur einer von vielen im Luftraum von Mexiko-Stadt, wie eine Mitteilung der internationalen Pilotenvereinigung Ifalpa zeigt: „Im letzten Monat haben wir vermehrt Zwischenfälle ankommender Flieger beobachtet, unter anderem aufgrund zu wenig verbleibenden Treibstoffs wegen langer Warteschleifen sowie mehrere Auslöser des Bodenannäherungs-Warnsystems GWPS“, so die Vereinigung.

Präsident wird verantwortlich gemacht

Die sich häufenden Vorfälle sind laut Experten auf die Inbetriebnahme des zweiten Hauptstadtflughafens Felipe Ángeles nördlich von Mexiko-Stadt im März 2022 zurückzuführen. Die ehemalige Militärbasis wurde auf Druck des Präsidenten Andrés Manuel López ­Obrador innerhalb kürzester Zeit zu einem internationalen Flughafen umgebaut. Eigentlich war ein neuer Großflughafen im Stadtbezirk Texcoco vorgesehen, doch dessen Bau brach López Obrador nur vier Wochen nach seinem Amtsantritt im Dezember 2018 kurzerhand ab, auf Basis einer umstrittenen Volksabstimmung. Kritiker werfen López Obrador vor, der Abbruch des 13 Milliarden US-Dollar teuren Projekts sei eine selbstherrliche, willkürliche Entscheidung gewesen – zumal schon zehn Prozent des vom Stararchitekten Norman Foster mitentworfenen Flughafens gebaut waren.

Der bisherige Flughafen in Mexiko-Stadt ist baufällig und überlastet, deshalb musste eine Lösung gefunden werden. Der neue Flughafen außerhalb der Stadt ist allerdings ein Sicherheitsrisiko, wie der jüngste Vorfall zeigt. Die lokale Flugverkehrskontrolle sei nicht ausreichend auf den neuen Luftraum vorbereitet, kritisiert die Pilotenvereinigung. Immerhin müssen sie nun zwei gleichzeitig operierende Flughäfen am Rand einer Metropole auf 2.200 Metern Höhe im Blick behalten.

Hinzu kommt die mangelhafte Erreichbarkeit des neuen Flughafens. Er liegt 45 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums – eine Strecke, die mit dem Taxi durchaus drei Stunden dauern kann. Öffentliche Verkehrsmittel fehlen bisher. Kein Wunder also, dass sowohl Passagiere als auch viele Airlines den neuen Flughafen bisher meiden. Mitte Mai starteten dort nur 23 Flieger täglich, am internationalen Flughafen mitten in der Stadt sind es rund 1.100 Maschinen. Bildhaft für die politische Linie des Linkspopulisten López Obrador sind auch die bislang einzigen internationalen Verbindungen: Angeflogen werden das venezolanische Caracas mit der zwischenzeitlich in der EU verbotenen Airline Conviasa sowie das kubanische Havanna.

Wirtschaftspolitik als Risikofaktor

Das Fiasko um den neuen Hauptstadtflughafen ist bezeichnend für die desolate Wirt­schafts­politik der Regierung López Obrador. In der Frühjahrsumfrage World Business Outlook 2022 der Deutsch-Mexikanischen Indus­trie- und Handelskammer bezeichneten 60 Prozent der befragten Unternehmen die „wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen“ als das derzeit größte Risiko für ihr Geschäft. Es folgten die Rohstoffpreise (54 Prozent) und die gedämpfte Nachfrage (36 Prozent). Die Weltbank korrigierte ihre Wachstumsprognose für Mexikos Wirtschaft für das laufende Jahr jüngst von 3,0 Prozent auf 1,7 Prozent nach unten, während Schwellenländer weltweit im Schnitt um 3,4 Prozent zulegen sollen.

Mit seiner Energiereform kann López Obrador ebenfalls keinen Erfolg verbuchen. Er wollte den staatlichen Energieversorger CFE stärken, der vor allem Kohle- und Gaskraftwerke betreibt. Private Energieunternehmen, die in Mexiko die Erneuerbaren ausbauen, hätten das Nachsehen gehabt. Allerdings erreichte die Reform bei der Abstimmung im Kongress im April 2022 nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Sowohl Umweltschützer als auch die Privatwirtschaft hatten sich im Vorfeld deutlich gegen die Reform ausgesprochen. Dennoch will die Regierung ein Energiegesetz (Ley de la Industria Eléctrica) durchsetzen, das CFE Vorrang bei der Einspeisung ins Stromnetz gibt – zahlreiche Unternehmen klagen bereits dagegen. Vor allem größere Konzerne hätten dann Schwierigkeiten, ihre globalen Vorgaben zur Nutzung sauberen Stroms zu erfüllen.

Zahlen & Fakten

3,1

Millionen Fahrzeuge wurden 2021 in 20 Werken in Mexiko hergestellt.

90

Prozent davon gingen in den Export.

Zugstrecke durch den Urwald

Auch ein weiteres Projekt, das der mexikanische Präsident vorantreibt, ist umstritten: Noch vor Ende seiner Amtszeit im Jahr 2024 will López Obrador die 1.500 Kilometer lange Zugstrecke Tren Maya auf der südöstlichen Halbinsel Yucatán einweihen. Er erklärte das Projekt daher per Dekret zu „öffentlichem Interesse“, seitdem kann ohne vorhergehende Umweltstudien an der Zugstrecke gebaut werden – sehr zum Missfallen von Umweltschützern. Die Bahnstrecke durchquert nämlich ein fragiles Ökosystem mit Urwald, Karsthöhlen, indigenen Dörfern und einer reichen Tierwelt. Der Präsident beauftragte das mexikanische Verteidigungsministerium mit dem Bau der Strecke, deren Kosten derzeit auf 11,6 Milliarden US-Dollar geschätzt werden. Experten erwarten einen „Weißen Elefanten“, da es kaum genügend Nachfrage für den als Touristenzug deklarierten Tren Maya geben dürfte.

Trotz der schwierigen politischen Lage und der staatlichen Einmischung in verschiedene Wirtschaftssektoren geht es den meisten deutschen Firmen verhältnismäßig gut. Laut Volker Helms, Managing Director in Mexiko bei der Landesbank LBBW, „läuft das Geschäft weiter und floriert vor allem im Industriebereich“. Die Zahlen geben dem Banker recht: Die ­verarbeitende Industrie wuchs im ersten Quartal 2022 dem Statistikamt Inegi zufolge um 4,7 Prozent, während die Wirtschaft insgesamt nur um 1,8 Prozent zulegte. Zudem beschäftigt die Industrie so viele Menschen wie nie zuvor.