Zehn wichtige Fragen zum Brexit

Der Brexit ist beschlossene Sache, auch wenn viele Details noch offen sind. Was Unternehmen schon jetzt tun können, um sich auf das Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (EU) vorzubereiten.

Februar 2018
Autor: Oliver Döhne

Eine Tatsache inmitten vieler unbekannter Variablen: Mit dem Brexit werden sich die Handelsregeln zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich (VK) ändern. Unabhängig von konkreten Szenarien sollten sich Unternehmer schon jetzt einige grundsätzliche Fragen stellen und mit relevanten Themen vertraut machen. So können sie schnell handeln, sobald alle Details geklärt sind. Insbesondere sollten Unternehmer abschätzen, wie groß der Umstellungsaufwand wäre – und ob der britische Markt diesen Aufwand rechtfertigt.

Wie stark werden meine Kunden im VK betroffen sein?

Einige Branchen leiden schon heute mehr als andere unter dem Brexit. Dazu gehört vor allem die Kfz-Industrie. Aber auch in vielen weiteren Branchen drohen Einschläge. Es ist ratsam, sich bei Abnehmern im VK zu erkundigen, wie sie die Lage einschätzen. Gleichzeitig sollten Unternehmer sich über geplante Standortverlagerung und Investitionsprojekte sowie Absatzprognosen von Verbänden auf dem Laufenden halten.

Sind Änderungen in der Wertschöpfungskette geplant? Wie entwickeln sich Kaufkraft, Wechselkurs und Inflation? „Der Brexit beißt zu, bevor er überhaupt stattgefunden hat“, sagt die GTAI-Marktbeobachterin in London, Annika Pattberg. „Schon jetzt sind negative Auswirkungen auf Gesamtkonjunktur, Investitionen, Produktion und Konsum zu beobachten.“

Wie preissensibel ist die Nachfrage nach meinen Produkten im VK?

Die Ausfuhr auf die Insel wird künftig einen höheren personellen, administrativen und finanziellen Aufwand erfordern. Folglich werden deutsche Firmen ihre Waren im VK zu höheren Preisen anbieten müssen. Unternehmer sollten deshalb schon jetzt kalkulieren, wie hoch der Aufschlag in etwa sein würde,
und abschätzen, wie groß der preisliche Spielraum gegenüber der außereuropäischen Konkurrenz ist.

Als Anhaltspunkt eignen sich die Zollsätze im aktuellen Zolltarif der EU, denn daran wird sich das VK voraussichtlich orientieren – jedenfalls zunächst. Selbst ein Freihandelsabkommen macht nicht zwangsläufig alle Waren zollfrei. Für bestimmte Produkte könnten begrenzte Einfuhrmengen gelten, die innerhalb eines festgelegten Zeitraums zollbegünstigt oder zollfrei eingeführt werden dürfen.

Dazu kommen nicht tarifäre Handelshemmnisse: So könnten auf Unternehmer neben mehr Bürokratie und längeren Wartezeiten auch neue Normen und Standards zukommen. Mehr dazu: siehe übernächste Frage.

Gut zu Wissen

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Ist Kompetenz für die zukünftige Zollabwicklung im Unternehmen vorhanden?

Selbst wenn es ein Freihandelsabkommen geben sollte, ist eine Zollabfertigung notwendig. Deutsche Unternehmen sollten deshalb prüfen, ob Mitarbeiter fortgebildet oder neu eingestellt werden müssen. Alternativ kann ein Zollagent eingeschaltet werden, dann reicht eine Grundlagenschulung. „Je nach Umfang des VK-Geschäfts lohnt es sich, die Zulassung als zugelassener Ausführer beim Zoll zu beantragen und über die Anschaffung eines entsprechenden IT-Systems nachzudenken“, sagt GTAI-Zollexpertin Stefanie Eich.

Wie zeitkritisch sind meine Produktlieferungen in das VK?

Unabhängig davon, ob es ein Folgeabkommen geben wird: Unternehmer müssen mit spürbaren Wartezeiten an den Grenzen rechnen. Dafür sorgen in einem Worst-Case-Szenario beispielsweise ausführliche Inspektionen wegen abweichender Normen und Standards, eigener Kennzeichnungs- und Produktsicherheitsvorschriften sowie von Verboten und Beschränkungen.

Experten bezweifeln, dass das britische IT-Zollsystem diesen Aufgaben gewachsen ist und eine effiziente und zeitnahe Abfertigung gewährleisten kann. Personelle Engpässe könnten die Zollabfertigung weiter verzögern: Alleinauf britischer Seite fehlen rund 5.000 Zollbeamte. Die Wartezeiten machen den gesamten Lieferprozess unvorhersehbar und erfordern zusätzliche Warenlager. „Zur Sicherheit sollten Unternehmer einkalkulieren, dass die Ware ab dem 29. März 2019 einige Zeit im Zoll hängen bleibt“, rät Annika Pattberg.

Gibt es alternative Bezugsquellen für Vorprodukte aus dem VK?

Unternehmer müssen sich darauf einstellen, dass auch die Einfuhr von Vorprodukten künftig teurer und umständlicher wird. Mehrteilige Produktionsprozesse können unwirtschaftlich werden, deshalb sollten Unternehmer über alternative Bezugsquellen aus anderen EU-Ländern nachdenken. Gleichzeitig lohnt es sich, den Wechselkurs in Auge zu behalten: Britische Vorprodukte werden bei einem schwachen Pfund Sterling tendenziell günstiger.

Ist mein VK-Geschäft ausreichend gegen Währungsschwankungen abgesichert?

Der Brexit verursacht starke Wechselkurs­effekte, die sich aller Voraussicht nach fortsetzen werden. Wichtig ist eine genaue Analyse der eigenen Abläufe: Wie lang sind die Produktzyklen? Welche Risikobereitschaft besteht bei Währungsschwankungen? Welche Möglichkeiten gibt es, um sich gegen Schwankungen abzusichern?

Annika Pattberg rät, mit starken Pfund-Wechselkursschwankungen zu rechnen. Wo Verträge nicht auf Eurobasis abgeschlossen werden können, können Vertragsparteien einen Währungskorridor vereinbaren und das Risiko teilen, falls der Korridor verlassen wird.