Zukunft? Sicher!

Vier von zehn Unternehmen müssen sich in den kommenden fünf Jahren auf den Generationswechsel einstellen. Wir zeigen, wo Chefs Nachfolger finden, was sie beim Übergang beachten müssen und in welche Fallen sie tappen können.

August 2020
Autoren: Jenny Eberhardt und Fabian Möpert

Heiterer Fototermin mit Markets International: Christoph ­Kroschke (Mitte) mit seinen Söhnen Felix (rechts) und Philipp, die mittlerweile das Familienunter­nehmen leiten. Überall im Unternehmen werden die drei mit CK, FK und PK abgekürzt. © Jan Ladwig

Seine Eltern hatten Christoph Kroschke nur einen kleinen Prägebetrieb für Autoschilder in Braunschweig hinterlassen – das war vor mehr als 40 Jahren. Heute richtet das Unternehmen ganze Zulassungszentren ein, organisiert die Onlineanmeldung von Fahrzeugen per Internet für Großvermieter, Flotten und Leasinggesellschaften – und wächst auch im Ausland: Kroschke hat in Österreich eine Niederlassung, unterhält ein Joint Venture in Italien und nimmt mit seiner Tochterfirma DKT international an Ausschreibungen teil.

„Wir bieten über Partner die Zulassung in nahezu allen europäischen Ländern an“, sagt der heutige Chef Felix Kroschke. „Märkte enden nun mal nicht mehr an den Grenzen des eigenen Landes.“ Und so wie es in den 1980ern den damals 28-jährigen Christoph brauchte, um aus einem kleinen Familienbetrieb einen großen Mittelständler mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz zu machen, entwickelt die dritte Generation das weiter, was Christoph Kroschke angeschoben hat: das Geschäft zu internationalisieren.

Der Generationswechsel bei Deutschlands Mittelständlern läuft auf Hochtouren. Vier von zehn Inhaberinnen und Inhabern sind älter als 55 Jahre und müssen sich bald auf den Führungswechsel vorbereiten. Das betrifft vor allem kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die in Deutschland rund 99 Prozent der Betriebe stellen. Aktuell sind 152.000 Unternehmer auf der Suche nach Nachfolgern, rechnen die Experten der Förderbank KfW in ihrem Nachfolgemonitor vor.

Zahlen & Fakten

44,3 %

Internationale Märkte zu erschließen, wird in Zukunft für das Unternehmen wichtiger – das finden 44,3 Prozent der jungen Unternehmensnachfolger, zeigt eine Studie der Stiftung Familienunternehmen.

79,6 %

Neue Produkt- und Dienstleistungsangebote zu entwickeln, gewinnt an Bedeutung – das sagen laut Studie der Stiftung Familienunternehmen sogar 79,6 Prozent der befragten jungen Unternehmensnachfolger.

3 Jahre

Spätestens drei Jahre vor dem geplanten Zeitpunkt der Unternehmensnachfolge sollten Seniorinhaber den Wechsel an der Unternehmensspitze vorbereiten und dafür externe Experten an Bord holen.

Quellen: Stiftung Familienunternehmen, GTAI-Recherchen

Wie organisiert man den Übergang?

Ist die Entscheidung für einen Nach­folger gefallen, geht es erst richtig los – denn das ­­A und O beim Generationenwechsel ist die frühzeitige und richtige Planung. Der Verband Die Jungen Unternehmer, der sich für junge Familienunternehmer und Gründer einsetzt, bietet für designierte Nachfolger deshalb ein sogenanntes „Nachfolge Bootcamp“ an.

Dort beschäftigen sich die Firmeninhaber in spe mehrere Tage lang mit Fragen wie „Wie kann ich mich emanzipieren und andere von mir begeistern?“, „Wie gehe ich mit der älteren Generation um?“ und „Wie bringe ich Wandel ins Unternehmen?“. Die Spanne der Teilnehmer reicht von Firmenerben, die gerade 18 geworden sind, bis hin zu 40-jährigen Prokuristen auf dem Weg zum Management-Buy-out. Marcus Heißner, der das Bootcamp organisiert, kennt die ­Herausforderungen, die auf die künftigen Führungskräfte warten. „Nachfolger in Familienunternehmen steigen in bereits vorhandene Strukturen ein. Sie tragen die Verantwortung für Mitarbeiter, vor denen sie sich selbst oft erst noch beweisen müssen.“ Die Teilnehmer tauschen Erfahrungen aus und erarbeiten gemeinsam individuelle Konzepte für die eigene Nachfolge.

Hilfreich sei es, wenn die Jungen vor ihrem Einstieg in den Familienbetrieb auch Erfahrungen in anderen Unternehmen gesammelt hätten, sagt Heißner: „Sie schauen dann kritischer ins eigene Unternehmen, finden Schwachstellen, setzen neue Impulse und entwickeln neue Produktideen oder gar gänzlich neue Geschäftsbereiche.“

So regelte die Christoph Kroschke GmbH die Unternehmensnachfolge

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Junioren sollen sich in der Welt umsehen

Eine ähnliche Sichtweise auf die Entscheidung des eigenen Nachwuchses, nicht sofort in den elterlichen Betrieb einzusteigen, hat man auch bei der Wittig Electronic GmbH im sächsischen Erzgebirge. „Kinder müssen nach der Ausbildung woanders hin, um andere Unternehmensabläufe kennenzulernen“, sagt Firmengründer Harald Wittig. Das Unternehmen vertreibt Elektronikbauteile und entwickelt maßgeschneiderte Lösungen, vor allem für die Kfz-Elektronik, aber auch für die Branchen Telekommunikation, Medizin- und Haustechnik sowie Luft- und Raumfahrt.

Durch die Eltern von klein auf stetig, aber behutsam an den Familienbetrieb herangeführt, zog es Michael Wittig, den Sohn und heutigen Geschäftsführer, nach dem Studium und einer Tätigkeit als wissenschaftlichem Mitarbeiter an seiner Hochschule zunächst nach Franken. Fünf Jahre arbeitete er dort für Unternehmen, die in der gleichen Branche aktiv sind wie das seiner Eltern. Dabei sammelte er nicht nur Erfahrung, sondern lernte so auch seine heutigen Wettbewerber kennen.

Im Jahr 2016 kehrte er schließlich ins Erzgebirge zurück, um im elterlichen Betrieb in die Geschäftsführung einzutreten. Eine Zeit lang teilten sich Mutter Elke und ihr Sohn noch den Leitungsposten. Ende 2019 wurde dann der Staffelstab komplett an die nächste Generation weitergereicht. Seitdem lenkt Michael Wittig die Geschicke der Firma mit rund 40 Beschäftigten am Standort in Brand-Erbisdorf, einer Tochtergesellschaft in Tschechien und einem Büro im chinesischen Shanghai.

Ähnlich war es beim Heizungshersteller Viessmann. Der heutige Firmenchef Max Viessmann hat nach seinem Studium zwei Jahre als Unternehmensberater gearbeitet und dann zunächst die Wagniskapitalgesellschaft des Konzerns geleitet, bevor er in den Vorstand des Viessmann-Konzerns einstieg. 2015 startete Max Viessmann als Digitalberater im Familienunternehmen, wurde 2016 Chief Digital Officer. Es folgten weitere Positionen, bis er 2019 schließlich zum CEO des größten Geschäftsbereichs aufstieg. ­Senior Martin Viessmann ist bis heute Gesamt-CEO des Familienunternehmens.

Erst Sohn Max hat seinen Vater dabei für die Bedeutung der Digitalisierung sensibilisiert. „Wir können Technologie an jeder Stelle nutzen, um besser zu werden“, davon war Max Viessmann überzeugt. Entscheidend sei, die Digitalisierung als Chance zu sehen und nicht als permanente Bedrohung. Er hat es schließlich geschafft, seinen Vater zu überzeugen – und den Generationenwechsel bei Viessmann damit schneller anzustoßen, als er selbst es eigentlich geplant hatte.