Zukunftsregion Tiefsee

Welche Technologien werden wichtig, worauf sollten Unternehmen jetzt schon achten? Die Antworten geben Vordenker an dieser Stelle. Unser Gastautor: Uwe Freiherr von Lukas, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung IGD in Rostock und Ideengeber des Ocean Technology Campus.

Juni 2021
Gastautor: Uwe Freiherr von Lukas, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung IGD in Rostock

© Jörg Schneider/Kammann Rossi

Es ist ein Allgemeinplatz, dass Menschen bis in den letzten Winkel der Erde vorgedrungen sind. Dabei stimmt das gar nicht. Wir nutzen nur einen Bruchteil des Planeten – nämlich 29 Prozent seiner Landmasse. Der Rest – die Meere, die 71 Prozent der Erde bedecken – lassen wir außen vor. Abgesehen von Bohrinseln, Aquakulturen, Windparks und Glasfaserkabeln errichten wir nichts von Dauer über die Küstengebiete hinaus. Unter der Meeresoberfläche, also Subsea, beginnt ein gewaltiges, unerschlossenes Gebiet, in dem außerdem noch rund 80 Prozent der weltweit verfügbaren Mineralien lagern. Für mich ist darum eindeutig klar: Wir könnten die Ozeane der Welt für so viel mehr nutzen und mit dem Einsatz der richtigen Technik gleichzeitig schützen. Deutsche Unternehmen könnten bei dieser Vision der nachhaltigen Nutzung ganz vorn mit dabei sein.

Dabei müssen sie gar nicht weit reisen, denn quasi vor der Tür bieten sich zahlreiche Möglichkeiten. Schließlich haben wir mit der Nord- und der Ostsee einen guten, eisfreien Meereszugang. Noch mangelt es aber an Technologien und Materialien, die wir unter der Wasseroberfläche langfristig nutzen können. Als Vorbild dient die Raumfahrt: Jene, die darin bereits wertvolle Erfahrungen gesammelt haben, können diese jetzt in der Entwicklung von Subsea-Projekten nutzen – und sollten das auch unbedingt tun. Unter Wasser herrschen ähnlich schwierige Bedingungen wie im All: Neben dem enormen Druck in den Meerestiefen müssen die Materialien dem hohen Salzgehalt standhalten, Maschinen und Roboter müssen möglichst autonom arbeiten können. Es gibt kein GPS, keine Funknetze, und auch die Stromversorgung ist noch ein Problem.

Diesen Herausforderungen sollten sich Unternehmen schon heute stellen, wenn sie morgen zu den Weltmarktführern einer boomenden Branche gehören wollen – und die Chance dazu haben alle Industrie- und Technologiezweige: von Mobilität über Kommunikation und Ressourcenabbau bis hin zum Recycling nicht mehr benötigter oder korrodierter Teile. Es ist alles noch im Aufbau, Unternehmen können sich mit technischen Innovationen einen Namen machen.

Besondere Chancen bieten sich für Experten der Elektromobilität. Auf dem Meeresgrund benötigt man Fahrzeuge, die Jahre unter Wasser bleiben können und verlässlich funktionieren. Dafür braucht es Superakkus, denen der hohe Druck nichts anhaben kann und die lange halten. Verbrennungsmotoren funktionieren in so großer Tiefe nicht. Auch mit 3-D-Druck ist bei Subsea-Projekten einiges möglich. Smarte Materialien lassen sich damit besonders einfach und wasserbeständig herstellen. Dann braucht es noch Robotersysteme, die Unterwasserstrukturen und -maschinen warten, instand setzen und nebenbei künftige Aquakulturen pflegen. Ganz wichtig dabei: Wenn die Menschen schon den Meeresgrund erobern, sollten sie das von Anfang an im Einklang mit der Natur tun. Dann sind Subsea-Lösungen aber allemal besser als zum Beispiel heutige Aquakulturen in norwegischen Fjorden.